Auf einen Blick
- Bei den 18- bis 29-Jährigen ist eine starke Zunahme der IV-Neurenten wegen psychischer Erkrankungen festzustellen.
- Immer mehr IV-Leistungen werden Familien mit behinderten Kindern – besonders solchen mit Autismus-Spektrum-Störungen – zugesprochen.
- Drei laufende Forschungsprojekte im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen sollen die Mechanismen der Invalidisierung und die Wirksamkeit bestehender Leistungen untersuchen.
Bereits seit Längerem stehen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Erkrankungen im Fokus der Invalidenversicherung (IV). Die Gründe dafür sind die statistische Zunahme von frühen psychischen Störungen sowie die langfristigen Folgen, die eine Frühinvalidisierung für den weiteren Lebensverlauf und die soziale Teilhabe haben kann. Auch finanziell wirkt sich dies auf die IV aus – so erhalten junge IV-Rentenbeziehende potenziell mehrere Jahrzehnte lang Leistungen. Von grosser Bedeutung sind daher die Früherfassungs- und Frühinterventionsmechanismen der IV und ihrer Partner.
Ausgehend von den grundlegenden empirischen Erkenntnissen zu jungen Versicherten mit psychischen Erkrankungen im IV-Bereich wurden im Rahmen des Forschungsprogramms zur Invalidenversicherung gezielte neue Forschungsprojekte initiiert. Diese sollen dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) und der Politik wissenschaftliche Grundlagen bereitstellen. Im Zentrum der Forschung stehen dabei folgende Gruppen:
- junge IV-Rentenbeziehende mit psychischen Erkrankungen
- Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)
- Familien mit Kindern mit Behinderung
Durch die Untersuchung dieser Gruppen lassen sich verschiedene Facetten derselben Problematik beleuchten – nämlich die Zunahme und die Veränderung des Unterstützungsbedarfs von jungen Menschen mit psychischen Störungen.
Mehr junge Rentenbeziehende mit psychischen Erkrankungen
Der Anteil junger Rentenbeziehender (18–29 Jahre) an der Gesamtzahl der IV-Rentnerinnen und -Rentner nimmt kontinuierlich zu. Innerhalb von 16 Jahren stieg dieser von 6,6 Prozent auf 10,6 Prozent im Jahr 2024. Insgesamt zählte die IV rund 24 000 Rentenbeziehende zwischen 18 und 29 Jahren; in der Gruppe der 30- bis 64-Jährigen waren es 203 000 Rentenbeziehende.
Bei den 18- bis 29-Jährigen wurden im Jahr 2024 fast 4000 Neurenten gesprochen. Zwischen 2008 und 2024 wuchs die Neurentenquote in dieser Gruppe um 54 Prozent. Währenddessen betrug das demografische Wachstum dieser Alterskategorie in diesem Zeitraum lediglich 6 Prozent. Bei den 30- bis 64-Jährigen dagegen fiel die Neurentenquote zuerst stark ab, bevor sie wieder anstieg und sich 2024 mit der Wachstumsrate der Bevölkerung in der entsprechenden Alterskategorie deckte (siehe Grafik 1).
Im Übrigen zeigt sich klar, dass das Rentenwachstum bei jungen Versicherten ausschliesslich auf psychische Störungen zurückgeht. Zwischen 2008 und 2023 stieg der Anteil der jungen IV-Rentenbeziehenden mit einer psychischen Beeinträchtigung um rund 80 Prozent an, während die mit anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbundenen Renten stabil blieben. Die Anzahl Neurenten aufgrund von psychischen Erkrankungen nahm 2023 und 2024 auf fast 3000 zu, wohingegen sie bei den anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit rund 1000 stabil blieb (siehe Grafik 2).
Eine der laufenden Studien des Forschungsprogramms zur IV analysiert den Eingliederungsverlauf und das Profil von jungen IV-Rentenbeziehenden mit psychischen Erkrankungen. Dabei sollen Faktoren identifiziert werden, die potenziell zur Zusprache einer Invalidenrente beitragen. Darüber hinaus soll die Studie auch Erkenntnisse zu den von der IV sowie von anderen Institutionen und Akteuren vor der Rentenzusprache getroffenen Massnahmen liefern, um Anhaltspunkte zum Massnahmen- und Interventionsbedarf zu erhalten. Die Ergebnisse werden mit denjenigen eines 2015 publizierten Forschungsberichts verglichen (Baer et al. 2015).
Autismus-Spektrum-Störungen nehmen zu
Die Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen, die Leistungen der IV beziehen, ist stark gewachsen. Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind neurologische Entwicklungsstörungen, die in der Invalidenversicherung zunehmend an Bedeutung gewinnen. Epidemiologisch gesehen wird die Prävalenz von Autismus-Spektrum-Störungen in den westlichen Gesellschaften auf über 1 Prozent geschätzt, wobei die Zunahme insbesondere bei weniger schweren Formen weitgehend auf die verbesserte Erkennung und Diagnose zurückzuführen ist (Genovese et al. 2020).
Im Jahr 2024 erhielten 12 481 Minderjährige mit einer Autismus-Spektrum-Störung mindestens eine IV-Leistung, meistens eine medizinische Massnahme. Gegenüber 2015 entspricht dies einer Zunahme von 348 Prozent (siehe Grafik 3). Zum Vergleich: Die Bevölkerung dieser Altersgruppe nahm derweil um 8 Prozent zu.
Besonders stark gestiegen ist die Zahl der minderjährigen Beziehenden einer IV-Hilflosenentschädigung mit Autismus-Spektrum-Störungen. Zwischen 2015 und 2024 hat sie sich mehr als verfünffacht – von 934 auf 5662 Fälle. Mittlerweile haben über 40 Prozent aller minderjährigen Beziehenden einer Hilflosenentschädigung eine solche Diagnose.
In der Fachliteratur wird das Ausmass der sogenannten Komorbiditäten betont: Bei der überwiegenden Mehrheit der betroffenen Kinder gehen Autismus-Spektrum-Störungen mit anderen Störungen wie einer Aufmerksamkeitsstörung, Sprachstörung oder motorischen Koordinationsstörung einher (Thommen 2019). Diese Besonderheiten erschweren die Betreuung und machen eine enge Koordination unter den medizinischen, pädagogischen und sozialen Akteuren zwingend notwendig. Der wissenschaftliche Konsens spricht deutlich für intensive Frühinterventionen bei frühkindlichem Autismus (Liesen et al. 2019). Systematische Reviews und Metaanalysen zeigen, dass diese Interventionen die Situation der Kinder und die Lebensqualität der Familien signifikant verbessern und gleichzeitig die langfristigen Kosten für die Sonderschulung und die institutionelle Betreuung senken. Diese Feststellungen haben die IV und die Kantone zu bedeutenden Investitionen in den Aufbau von Zentren für intensive Frühintervention (IFI) veranlasst.
Vor diesem Hintergrund verfolgt das laufende IV-Forschungsprojekt zu den Autismus-Spektrum-Störungen zwei Ziele:
- Analyse der Verläufe von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen, die die Aufnahmekriterien für IFI-Zentren erfüllen, aber nicht daran teilgenommen haben, um eine Nullmessung für künftige Evaluationen der Wirksamkeit der IFI-Zentren zu erhalten
- Analyse der Verläufe von Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen (alle Arten), insbesondere ihres Schul- und Bildungswegs, ihrer beruflichen Eingliederung, der von den Kantonen und der IV erhaltenen Unterstützungsmassnahmen sowie der Hindernisse für die berufliche Eingliederung und ein selbstbestimmtes Leben
Sind die Leistungen für Kinder mit Behinderung angemessen?
Die Analysen zu Familien mit behinderten Kindern zeigen, dass die Anzahl minderjähriger Bezügerinnen und Bezüger bestimmter IV-Leistungen – insbesondere der Hilflosenentschädigung – ebenfalls stark angestiegen ist. Diese Zunahme, die weit über dem entsprechenden Bevölkerungswachstum liegt, ist hauptsächlich auf Leistungsbeziehende ohne Intensivpflegezuschlag zurückzuführen und hat sich seit 2017 beschleunigt (siehe Grafik 4).
Sowohl die Fachliteratur als auch statistische Analysen unterstreichen die Komplexität des Leistungssystems sowie die Überschneidung verschiedener von der IV, der Krankenversicherung und den Kantonen finanzierter Unterstützungsformen. Häufig betreffen die Bedürfnisse der Familien neben der rein medizinischen Versorgung auch Aspekte wie Beaufsichtigung, Begleitung und Koordination, die bei Kindern mit psychischen oder neurologischen Entwicklungsstörungen mit besonderen Herausforderungen verbunden sind. Die bisherigen Studien zeigen, dass trotz des Umfangs der ausgerichteten Leistungen unklar ist, ob die tatsächlichen Bedürfnisse der Familien und die finanzielle Deckung durch das System übereinstimmen.
Diese Feststellungen sind insbesondere vor dem Hintergrund relevant, dass die Politik auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderung zunehmend Wert auf den Verbleib zu Hause und auf Selbstständigkeit legt. Ein Projekt des Forschungsprogramms zur IV zielt deshalb darauf ab, die finanzielle Situation und die Bedürfnisse dieser Familien anhand der Verknüpfung zahlreicher statistischer Sekundärdaten und einer repräsentativen Umfrage unter den betroffenen Familien besser zu verstehen. Ein wichtiges Ziel ist dabei die Analyse des Deckungsgrads der behinderungsbedingten Kosten und die Untersuchung, inwieweit die Leistungen der IV den Bedürfnissen der betroffenen Familien entsprechen.
Von internen Analysen zu Forschungsaufträgen
Eigene statistische Analysen und die Erkenntnisse aus der Fachliteratur zeichnen ein klares Bild: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Erkrankungen stellen in der Invalidenversicherung eine stark wachsende Gruppe mit komplexen Bedürfnissen und grossen langfristigen Herausforderungen dar. Der Rentenanstieg bei jungen Versicherten, die rasche Zunahme der minderjährigen IV-Leistungsbeziehenden mit Autismus-Spektrum-Störungen sowie die Bedürfnisse von Familien mit behinderten Kindern erfordern ein besseres Verständnis der Lebensverläufe, der Invalidisierungsmechanismen und der Wirksamkeit der bestehenden Leistungen.
Die drei laufenden Forschungsaufträge zu jungen IV-Rentenbeziehenden, zu Autismus-Spektrum-Störungen sowie zu Familien mit behinderten Kindern sollen eine solide empirische Grundlage liefern, um die IV und die Kantone beim Ausbau der Prävention der Frühinvalidisierung von jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen. Die Ergebnisse werden voraussichtlich zwischen Ende 2026 und Mitte 2027 veröffentlicht.
Literaturverzeichnis
Baer, Niklas; Altwicker-Hàmori, Szilvia; Juvalta, Sibylle; Frick, Ulrich; Rüesch, Peter (2015). Profile von jungen IV-Neurentenbeziehenden mit psychischen Krankheiten. Studie im Auftrag des BSV. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 19/15.
Genovese, Ann; Butler, Merlin G. (2020). Clinical Assessment, Genetics, and Treatment Approaches in Autism Spectrum Disorder (ASD), International Journal of Molecular Sciences, 2. Juli, 21(13):4726.
Liesen, Christian; Krieger, Beate; Becker, Heidrun (2019). Evaluation der Wirksamkeit der intensiven Frühinterventionsmethoden bei frühkindlichem Autismus. Studie im Auftrag des BSV. Forschungsbericht Nr. 9/18.
Thommen, Evelyne (2019). Aktuelle Überlegungen zum Autismus. Soziale Sicherheit CHSS 2/2019.