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Familienarmut: Was können Kantone, Städte und Gemeinden tun?

Armut trifft in der Schweiz zahlreiche Familien – mit gravierenden Folgen insbesondere für die Kinder. Eine neue Orientierungshilfe der Nationalen Plattform gegen Armut bündelt das vorhandene Wissen und zeigt in sieben Handlungsfeldern Ansätze für die Praxis auf.
Dominic Höglinger, Jolanda Jäggi
  |  03. November 2026
  • Allgemein
Angebote der Quartierarbeit ermöglichen die soziale und gesellschaftliche Teilhabe. Kidstreff «Bachstei» in Luzern. (Keystone)

Auf einen Blick

  • Die Prävention und die Bekämpfung von Familienarmut stärkt die Entwicklungschancen und die Teilhabe der Betroffenen und verhindert hohe gesellschaftliche Folgekosten.
  • Das Büro BASS hat im Auftrag der Nationalen Plattform gegen Armut eine Orientierungshilfe für Kantone, Städte und Gemeinden erstellt.
  • Die Orientierungshilfe enthält sieben Handlungsfelder und Praxisbeispiele.

Trotz Sozialversicherungen und bedarfsabhängiger Sozialleistungen ist Armut für viele Familien in der Schweiz Realität: Im Jahr 2023 lebten schätzungsweise 211 000 Personen in Familienhaushalten unterhalb der Armutsgrenze – die Hälfte davon minderjährige Kinder (BSV 2025a). Die statistische Armutsgrenze orientiert sich am Existenzminimum der Sozialhilfe. Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern beträgt dieses aktuell 2271 Franken pro Monat (ohne Ausgaben für Miete und Krankenkassenprämien).

Hinzu kommt eine beträchtliche Anzahl Familien knapp über der Armutsgrenze. Würde man die Armutsgrenze um 500 Franken anheben, würde sich die Armutsquote bei Paaren mit Kindern und bei Einelternhaushalten mehr als verdoppeln.

Ob unterhalb oder knapp oberhalb der Armutsgrenze: Familien mit knappen finanziellen Mitteln bilden die Zielgruppe einer wirksamen Politik gegen Familienarmut. Diese kombiniert präventive Ansätze mit materieller Existenzsicherung und setzt bei Kindern und Eltern zugleich an.

Familienarmut hat langfristige Folgen für Kinder

Familienarmut ist oft unsichtbar und schambesetzt, ihre Folgen aber sind weitreichend: Sie betreffen sämtliche Lebensbereiche und alle Familienmitglieder. Besonders gravierend ist, dass sie die Entwicklungs- und Bildungschancen der Kinder stark beeinträchtigt – wenn etwa das Geld für gesundes Essen oder Schullager fehlt und Kinder miterleben, wie ihre Eltern permanent ums Auskommen kämpfen müssen, werden Ausgrenzung und Mangel früh zur prägenden Erfahrung.

«An unbeschwerte Zeiten in meiner Kindheit kann ich mich kaum erinnern. Alles war stressig. Der einzige Moment, in dem sich meine Eltern wirklich um mich kümmern konnten, war, als ich im Spital lag und operiert werden musste. Da fühlten sie sich als Eltern und nicht als stressgesteuerte Menschen. Ansonsten hatten meine Eltern keine Kapazität für Fragen wie: ‹Wie läuft’s in der Schule?›.» Aussage einer 22-jährigen Person mit Armutserfahrung im nationalen Armutsmonitoring (BSV 2025b).

Ohne gezielte Interventionen besteht die Gefahr, dass sich die Benachteiligungen langfristig verfestigen und die Betroffenen bis ins Erwachsenenleben begleiten. Dies erhöht das Risiko einer generationenübergreifenden Weitergabe von Armut

Massnahmen gegen Familienarmut zahlen sich aus

Die Prävention und Bekämpfung von Familienarmut verbessern die Situation der Betroffenen und verhindern hohe gesellschaftliche Folgekosten wie höhere Gesundheits- und Sozialausgaben sowie entgangene Bildungs- und Erwerbspotenziale. Eine koordinierte Familien- und Armutspolitik ist deshalb zugleich effektive Wirtschaftspolitik.

Besonders effektiv sind Massnahmen der frühen Förderung: Hier ist der «Return on Investment» laut Studien am höchsten (Heckmann 2008). Um die Erfolge früher Interventionen abzusichern, braucht es allerdings auch in den späteren Phasen – Schule, Berufswahl, Ausbildung und Berufseinstieg sowie insbesondere an den Übergängen dazwischen – die Unterstützung der betroffenen Kinder, Jugendlichen und ihrer Eltern.

Eine wirksame, präventiv ausgerichtete Politik setzt dabei bei Kindern und Eltern zugleich an. Bei den Kindern verbessern Fördermassnahmen ab der frühen Kindheit die Entwicklungs- und Bildungsperspektiven nachhaltig. Bei den Eltern braucht es einen dualen Fokus auf die Erhöhung der Erwerbs- und Bildungschancen einerseits sowie Unterstützung bei Erziehung und Betreuung andererseits. Weil Armut sämtliche Lebensbereiche betrifft, sind präventive Ansätze und geeignete Unterstützungsangebote auch in den Bereichen Gesundheit, Wohnen und soziale Teilhabe erforderlich.

Eine Orientierungshilfe für die Praxis

Im Auftrag der Nationalen Plattform gegen Armut haben wir eine «Orientierungshilfe» für Kantone, Städte und Gemeinden entwickelt (Höglinger et al. 2026). Sie liefert Grundlagen, Argumente, weiterführende Informationen und einen strukturierten Überblick über das, was sich in der Praxis bewährt hat. Mit diesem Arbeitsinstrument sollen Kantone, Städte und Gemeinden Massnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Familienarmut zielgerichtet auswählen und weiterentwickeln können.

Die Orientierungshilfe verbindet Erkenntnisse aus der Wissenschaft mit der Fachperspektive und dem Wissen von Betroffenen. Mitgewirkt haben Bund, Kantone, Städte, Gemeinden, Fachorganisationen sowie Personen mit Armutserfahrung.

Sieben Handlungsfelder

Die Orientierungshilfe umfasst folgende sieben Handlungsfelder, die für eine umfassende Prävention und Bekämpfung von Familienarmut relevant sind (siehe Abbildung 1):

  • Existenzsicherung: Diese finanziellen Leistungen bilden den Boden für die Massnahmen der übrigen Handlungsfelder. Sie müssen so ausgestaltet sein, dass Haushalte mit Kindern bestmöglich unterstützt werden. Beispielsweise muss die Sozialhilfe einen stärkeren Fokus auf das Kindeswohl legen. Weitere Möglichkeiten sind individuelle Prämienverbilligungen oder Ergänzungsleistungen für Familien, wie sie einzelne Kantone – Genf, Solothurn, Tessin, Waadt und Freiburg – kennen.
  • Erwerbschancen von Eltern: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss für einkommensschwache Familien verbessert werden. Wichtig ist etwa eine bezahlbare und auch bei unregelmässigen Arbeitszeiten verfügbare familienergänzende Betreuung. Gleichzeitig braucht es gezielte Qualifizierungsangebote für Eltern mit einem tiefen Bildungsstand: Diese müssen mit den Betreuungspflichten vereinbar sein und existenzsichernd finanziert sein. Ein Beispiel sind die Arbeitsmarktstipendien der Stadt Zürich.
  • Bildungschancen für Kinder und frühe Förderung: Die Chancengerechtigkeit soll ab der frühen Kindheit gestärkt und der Bildungsbenachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft systematisch entgegengewirkt werden. Dazu zählen im Vorschulalter etwa gute familienergänzende Betreuungsangebote sowie Hausbesuchsprogramme wie «Parents as Teachers» und «schritt:weise», beim Schuleintritt «ping:pong» oder während der Schulzeit das «Familienklassenzimmer Kriens». An der Schwelle zu Ausbildung und Beruf leistet schliesslich ein vielfältiges Hilfssystem – von Berufsberatung über Brückenangebote bis Case Management – wichtige Beiträge.

Handlungsfelder für die Prävention und Bekämpfung von Familienarmut

  • Gesundheit: Die negativen Wechselwirkungen zwischen Armut und Gesundheit gilt es zu durchbrechen. Armutsbetroffene und -gefährdete Familien müssen frühzeitig an Förder- und Begleitangebote herangeführt werden – etwa mit aufsuchenden Angeboten wie «Vitalina» der Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt oder dem Aufbau einer familienzentrierten Vernetzung.
  • Soziale und gesellschaftliche Teilhabe: Mit einer sozialräumlich orientierten Quartierentwicklung und einer armutssensiblen Gestaltung von Angeboten oder entsprechenden situationsbedingten Leistungen der Sozialhilfe kann der sozialen Isolation von armutsbetroffenen und -gefährdeten Familien entgegengewirkt werden. Oft reichen schon kleine, einfach umsetzbare Anpassungen, um die Teilhabe von armutsbetroffenen und -gefährdeten Kindern und Jugendlichen zu stärken (siehe Kasten).

Checkliste: Freizeit- und Sportangebote armutssensibel gestalten (Auszug)

Vergünstigte Angebote scheitern oft an versteckten Hürden. Eine Checkliste in der Orientierungshilfe (gestützt auf Werner et al. 2024) hilft Vereinen und anderen Anbietern, ihre Angebote so zu gestalten, dass sie auch von armutsbetroffenen Familien genutzt werden. Sie umfasst folgende drei Dimensionen:

-Hürden analysieren und abbauen: Sind Kosten – auch versteckte für Ausrüstung, Verpflegung oder ÖV – tief und transparent? Gibt es Leihmaterial? Ist das Angebot wohnortnah, passen die Zeiten zu den Arbeitsmodellen der Eltern? Wird bei begrenzten Plätzen ein Kontingent für benachteiligte Kinder freigehalten?

-Benachteiligte Familien erreichen: Werden Multiplikatoren wie Schulsozialarbeit, Kindertagesstätten oder Quartierarbeit genutzt? Sind Informationen einfach und mehrsprachig? Gibt es niederschwellige Schnupperformate für den Erstkontakt?

–Armutssensibel handeln: Wird aktiv signalisiert, dass alle willkommen sind? Werden Situationen vermieden, in denen fehlendes Geld sichtbar wird – etwa das Geldeinsammeln vor der Gruppe? Ist das Team für Vorurteile sensibilisiert und wird Diskriminierung aktiv thematisiert?

  • Wohnen: Die Wohnkosten sind ein zentrales Armutsrisiko für Familien. Wohnberatung und Wohnbegleitung, Wohnbeihilfen, Frühintervention bei Mietzinsrückständen (etwa «Domos» im Kanton Genf) und Wohncoaches sichern Familien mit knappen Mitteln den Zugang zu Wohnraum und verhindern dessen Verlust – und vermeiden damit Folgekosten in anderen Bereichen der öffentlichen Hand.
  • Koordination und Governance: Eine umfassende, wirkungsvolle Prävention und Bekämpfung von Familienarmut erfordert ein strategisch fundiertes, politikfeldübergreifendes und vernetztes Vorgehen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse armutsgefährdeter und -betroffener Familien. Dazu gehören Wissensgrundlagen und politikfeldübergreifende strategische Grundlagen,  Zusammenarbeit und Netzwerk, der Abbau von Zugangshürden sowie der systematische Einbezug der Perspektive von Familien mit Armutserfahrung, um Massnahmen passgenauer zu gestalten.

Das Handlungsfeld «Koordination und Governance» bildet eine übergeordnete Klammer. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass die vorhergehenden Handlungsfelder ihr Wirkungspotential entfalten können. Denn die beste Massnahme bleibt wirkungslos, wenn sie von der Zielgruppe nicht genutzt wird.

Kantone sind gefordert, ihre Führungsrolle wahrzunehmen und auch ressourcenschwache Gemeinden koordinativ und finanziell zu unterstützen. Und quer durch alle Handlungsfelder gilt, dass niederschwellige Zugänge, aktive Vermittlung und der Einsatz von Schlüsselpersonen wesentlich dafür sind, dass Angebote armutsgefährdete und -betroffene Familien tatsächlich erreichen – sie nutzen diese sonst seltener, obwohl sie besonders davon profitieren könnten.

In der Orientierungshilfe finden sich zu jedem Handlungsfeld zusätzliche Praxishilfen und vertiefende Literaturhinweise – von Checklisten über Praxisleitfäden sowie Befunde des Nationalen Armutsmonitorings 2025 zur Situation von Familien.

Literaturverzeichnis

BSV (2025a). Armut in der Schweiz im Überblick. Armutsmonitoring der Schweiz. Bericht 2025.

BSV (2025b). Materielle Existenzsicherung in der Schweiz. Armutsmonitoring der Schweiz. Bericht 2025.

Heckman, James J. (2008). Schools, skills, and synapses. Economic inquiry, 46(3), 289–324.

Höglinger, Dominic et al. (2024). Die materielle Situation von Kindern und Jugendlichen in der Sozialhilfe. Studie im Auftrag der Charta Sozialhilfe Schweiz. Büro BASS, Berner Fachhochschule und Hochschule Luzern.

Höglinger, Dominic; Jäggi, Jolanda; Bannwart, Livia (2026). Prävention und Bekämpfung von Familienarmut. Orientierungshilfe für Kantone, Städte und Gemeinden. Im Auftrag der Nationalen Plattform zur Prävention und Bekämpfung Armut (BSV).

Werner, Susanne (2024). Angebote für Kinder und Jugendliche armutssensibel planen und umsetzen — Ein Leitfaden mit Beispielen aus Freizeit, Sport und kultureller Bildung. Berlin: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Dr. phil., Bereichsleiter soziale Mindestsicherung, Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS
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Bereichsleiterin Gesundheit, Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS
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