Auf einen Blick
- Das Tool «Cash or Crash» bereitet komplexe Vorsorgefragen niederschwellig auf und erreicht insbesondere jüngere Frauen.
- Studien zeigen: Bereits grundlegendes Finanzwissen kann das Verhalten messbar verändern – bis hin zu dauerhaften Pensenerhöhungen.
- Künftig sollen regions- und altersspezifische Handlungstipps zur Verfügung gestellt werden.
Finanzielle Entscheidungen werden selten isoliert getroffen. Ob jemand das Erwerbspensum reduziert, wie die Kinderbetreuung organisiert wird oder ob eine Ehe eingegangen wird, hängt von Lebensphasen, gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Präferenzen ab. Was dabei oft unterschätzt wird: die langfristigen finanziellen Folgen dieser Entscheidungen.
Hier setzt das digitale Tool Cash or Crash des Frauendachverbands Alliance F an: Mit dem Tool können komplexe Vorsorge- und Finanzfragen niederschwellig, lebensnah und verständlich aufbereitet werden. Dadurch werden finanzielle Konsequenzen greifbar, die sonst abstrakt bleiben.
Im Zentrum steht eine einfache, spielerische Logik: Nutzende simulieren zentrale Lebensentscheidungen, etwa Teilzeitarbeit, Kinderbetreuung oder Heirat, und sehen unmittelbar, wie sich diese auf Einkommen und Vorsorge auswirken. Das Tool richtet sich bewusst an Menschen, die sich bisher wenig oder gar nicht mit Finanz- und Vorsorgethemen beschäftigt haben – insbesondere an Frauen ab dem Erwerbsalter und für die Zeit vor und während der aktiven Familienzeit. Aus rechnerischen Gründen beschränkt sich das Modell auf Personen im Alter von 16 bis 45 Jahren.
Was die Forschung zeigt
Dass Finanzwissen ungleich verteilt ist, ist gut dokumentiert. Verschiedene Studien zeigen seit Jahren, dass Frauen im Durchschnitt über weniger Finanzwissen verfügen als Männer. Doch verändert mehr Wissen tatsächlich das Verhalten, oder sind soziale Strukturen so stark verankert, dass Information allein wenig bewirkt?
Eine Studie der Universität Zürich von 2025 hat dies bei Lehrerinnen in der Deutschschweiz untersucht (Costa-Ramón et al. 2025; vgl. auch Interview mit Ökonomin Michaela Slotwinski in der «Sozialen Sicherheit»). Den Teilnehmerinnen wurde ein Informationsvideo vorgeführt, das anhand eines Beispiels aufzeigt, wie sich eine berufliche Pensumserhöhung langfristig finanziell auswirkt. Anschliessend konnten sie ihre eigene Situation in einem Online-Tool analysieren und verschiedene Beschäftigungsszenarien durchspielen. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Frauen mit geringem Vorsorgewissen passten ihr Erwerbsverhalten im Folgejahr signifikant an. Konkret erhöhten sie ihr Pensum im Durchschnitt um rund zehn Prozent – also etwa einen halben Arbeitstag pro Woche.
Was nach wenig klingt, hat grosse Wirkung. Eine langfristige Pensumserhöhung um zehn Prozentpunkte ab dem 30. Altersjahr führt bis zur Pensionierung zu einem um bis zu 300 000 Franken höheren Erwerbseinkommen. In der beruflichen Vorsorge fällt der Effekt noch stärker aus: Aufgrund des Koordinationsabzugs steigt das Vorsorgekapital überproportional, die Renten erhöhen sich gemäss Studie um rund 15 Prozent. Damit liesse sich der Gender Pension Gap in der zweiten Säule, der heute bei über 60 Prozent liegt, deutlich reduzieren.
Die zentrale Erkenntnis: Es braucht kein vertieftes Anlagewissen, um Wirkung zu erzielen. Bereits grundlegendes Verständnis darüber, wie das Schweizer Vorsorgesystem funktioniert und wie sich Teilzeitarbeit langfristig auswirkt, reicht aus, um Entscheidungen stärker an finanziellen Konsequenzen auszurichten. Was auch eine weitere Studie (Zimmermann 2023) basierend auf 133 ausführlichen Interviews mit 54 Eltern (27 Paaren) aus der französischsprachigen Schweiz aufzeigte. Die Studie untersuchte unter anderem die finanziellen Entscheidungen junger Eltern mit der Fragestellung, warum sie bei der Aufteilung ihrer Arbeit wirtschaftlich ineffiziente Entscheidungen treffen.
Cash or Crash: Wirksamkeit bestätigt
Diese wissenschaftlichen Befunde spiegeln sich in den Erfahrungen mit Cash or Crash. In den vergangenen zwei Jahren hat das Tool über 100 000 Frauen und 25 000 Männer unter 45 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz erreicht. Rund drei Viertel der Nutzenden sind Frauen, mehr als 60 Prozent haben Kinder. Also genau jene Gruppen, bei denen Weichenstellungen für die Altersvorsorge besonders relevant sind. Bemerkenswert ist zudem die sozioökonomische Breite: Rund 40 Prozent der Nutzenden stammen aus der Berufsbildung, das Medianeinkommen liegt leicht unter dem Schweizer Durchschnitt.
Eine unabhängige Evaluation durch die Berner Fachhochschule für Wirtschaft (Becker et al. 2025) bestätigt die Wirksamkeit des Tools. Jede fünfte Nutzerin erwägt nach der Nutzung eine konkrete Verhaltensänderung – etwa Erhöhung des Arbeitspensums, eine Weiterbildung oder ein Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner über die Aufteilung von Erwerbs- und Betreuungsarbeit. Besonders stark nachgefragt sind die Themen Teilzeitarbeit, Kinder, Heirat und Vorsorge.
Entscheidend ist dabei die Niederschwelligkeit. Cash or Crash verzichtet bewusst auf Fachjargon und arbeitet mit lebensnaher Sprache, anschaulichen Beispielen und Gamification-Elementen. Ergänzt wird das Online-Tool durch Workshops, Live-Events und eine breit angelegte Sensibilisierungskampagne, die über soziale Medien, Kooperationen und Multiplikatorinnen getragen wird. So entsteht ein Zugang zu Finanz- und Vorsorgethemen, der nicht belehrt, sondern befähigt.
Grenzen und nächste Schritte
So ermutigend die Ergebnisse sind, so klar ist auch: Information allein reicht nicht aus, um den Gender Pension Gap vollständig zu schliessen. Strukturelle Faktoren wie hohe Kosten für Kinderbetreuung, fehlende paritätische Elternzeit oder bestehende Lohndiskriminierung setzen dem individuellen Handlungsspielraum Grenzen. Zudem stellt sich zunehmend die Frage nach der Verantwortung der Männer: Wie bewusst ist ihnen, dass ungleiche Erwerbs- und Betreuungsmodelle für ihre Partnerinnen ein langfristiges finanzielles Risiko bedeuten?
Die Evaluation von Cash or Crash zeigt gleichzeitig auf, wo Weiterentwicklungen nötig sind. Nutzerinnen wünschen sich konkretere Handlungsempfehlungen, Hinweise auf regionale Beratungsangebote und vertiefende Unterstützung über das Tool hinaus. Besonders junge Menschen unter 25 Jahren sollen künftig stärker erreicht werden, etwa über Schulen oder Laufbahnberatungen.
In der nächsten Entwicklungsphase wird Cash or Crash deshalb gezielt ausgebaut: mit zusätzlichen, regionalisierten Handlungstipps, neuen Modulen zur Berufswahl und erweiterten Funktionen für junge Eltern. Parallel dazu werden Kooperationen mit Verbänden, Schulen und Beratungsstellen vertieft und Beratungsangebote vor Ort sowie virtuell weiterentwickelt. Ziel ist eine langfristige Trägerschaft, die den nachhaltigen Betrieb und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Tools sicherstellt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Cash or Crash zeigt, welches Potenzial in früher, zielgerichteter Finanz- und Vorsorgeinformation liegen kann. Wenn Menschen verstehen, wie sich heutige Entscheidungen langfristig auswirken, treffen sie andere, oft ausgewogenere Entscheidungen. Die Kombination aus wissenschaftlicher Basis, digitaler Niederschwelligkeit und praxisnaher Ansprache macht das Tool zu einem wirksamen Instrument der Sensibilisierung. Derartige Online-Tools können strukturelle Ungleichheiten nicht allein beseitigen, aber einen wichtigen Beitrag leisten, um finanzielle Risiken sichtbar zu machen.
Literaturverzeichnis
Becker, Martina ; Fernandes, Ana; Schalk, Tobias; Lanfranconi,Lucia; Buletti, Patrizia (2025). Evaluationsbericht des Online-Tools «Cash or Crash» und dessen Sensibilisierungskampagne. Im Auftrag von Alliance F (unveröffentlicht).
Costa-Ramón, Ana; Schaede, Ursina; Slotwinski, Michaela; Ardila Brenoe, Anne (2025). (Not) Thinking about the Future: Inattention and Maternal Labor Supply, Working Paper No. 452. Universität Zürich,14. Juli.
Zimmermann, Regula (2023). Do Couples Take Financially Rational Decisions When They Become Parents? No, But They Believe They Do, Gender and Society, 37(6), 914– 941.