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Kinder und Jugendliche: Partizipation muss verankert sein

In der Schweiz gibt es vielfältige Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche, wie eine Studie im Auftrag des BSV zeigt. Diese sind jedoch oft nur punktuell und wenig institutionell verankert.
Johanna Brandstetter, Mandy Falkenreck, Lara Hobi, Axel Pohl, Carole Zellner
  |  26. März 2026
    Forschung und Statistik
  • Jugend
  • Kinder
Jugendsession des Kantons Neuenburg im Herbst 2025. (Keystone)

Auf einen Blick

  • Die Ostschweizer Fachhochschule (OST) hat zusammen mit der Polit- und Kommunikationsagentur Polsan im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) untersucht, wie Kinder und Jugendliche in der Schweiz an Prozessen des Bundes beteiligt werden können.
  • Partizipation findet meist in Kommissionen und Räten statt, bleibt aber oft themenspezifisch und fragmentiert.
  • Es braucht eine stärkere institutionelle Verankerung, inklusivere Formate und systematische Auswertungen.

Zu den Kinderrechten gehört das Recht auf Partizipation. Indem sich Kinder und Jugendliche an Prozessen von Bund, Kantonen und Gemeinden beteiligen, können sie ihre Sichtweise einbringen – und Demokratie wird erlebbar. In einer Studie im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen haben wir untersucht, welche Partizipationsmöglichkeiten in der Schweiz für Jugendliche bestehen (Brandstetter et al. 2025).

Ziel der Bestandesaufnahme war es, einen Überblick über bestehende Formen der Kinder- und Jugendpartizipation in der Schweiz zu gewinnen – sowie über Erfahrungen, Erfolgsfaktoren und Herausforderungen bei deren Umsetzung.

Die Grundlage bildete eine Literaturrecherche. Neben wissenschaftlichen Publikationen wurden auch Projektberichte und Websites aus der Schweiz sowie aus vergleichbaren europäischen Staaten berücksichtigt. Ergänzend wurden Interviews mit Expertinnen und Experten aus der ganzen Schweiz und aus europäischen Ländern geführt.

Es ging darum, wenig dokumentierte oder laufende Verfahren zu identifizieren und vertiefte Einblicke in Erfahrungen, Gelingensbedingungen und Herausforderungen von Partizipationsprozessen mit Kindern und Jugendlichen zu gewinnen. Die daraus entstandene Liste verschiedener Partizipationsverfahren wurde systematisiert und ausgewertet.

Grad der Beteiligung ausschlaggebend

Der Beteiligungsgrad wurde anhand eines Stufenmodells eingeordnet (Strassburger und Rieger 2014). Dabei wurden unter anderem folgende Fragestellungen untersucht:

  • Werden Interessen stellvertretend durch Fachpersonen vertreten?
  • Nehmen Kinder und Jugendliche punktuell oder dauerhaft Einsitz in Gremien?
  • Erhalten sie Mitwirkungsrechte ohne Entscheidungsrechte?
  • Verleiht man ihnen durch Jugendparlamente beziehungsweise offene Versammlungen eine Stimme?

Dabei spielt es eine Rolle, ob die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen beispielsweise bei der Problemdefinition, bei der Umsetzung oder bei der Evaluation erfolgt.

«Kommissionen» und «Räte» verbreitet

Mithilfe des Stufenmodells konnten die derzeit in der Schweiz am häufigsten umgesetzten Partizipationsformate von Kindern und Jugendlichen identifiziert werden.

Die Auswertung zeigt, dass Kinder und Jugendliche mehrheitlich in sogenannten Mitwirkungsgremien innerhalb von Institutionen als aktive (Mit-)Gestaltende von Partizipation adressiert und einbezogen werden. Diese «Kommissionen» und «Räte» werden im Rahmen der Geschäfte und Aufgaben von Institutionen und Behörden eingesetzt.  Sie tagen regelmässig und behandeln offene Themen, die von den Kindern und Jugendlichen oder Behörden eingebracht werden.

Daneben gibt es auch eine beträchtliche Anzahl von Projekten und Vorhaben, bei denen Kinder und Jugendliche vor allem als Teilnehmende angesprochen werden. Charakteristisch für diese Formate ist, dass Partizipationsanlässe organisiert werden, zu denen Kinder und Jugendliche eingeladen werden, zu bestimmten vorgegebenen Themen ihre Ideen und Rückmeldungen einzubringen. Diese Anlässe finden in der Regel einmalig oder in regelmässigen Abständen statt – jeweils dann, wenn es im Rahmen institutioneller oder behördlicher Prozesse als sinnvoll oder notwendig erachtet wird.

Allen diesen Formaten ist gemeinsam, dass sie durch Erwachsene begleitet werden. Zudem zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche vorwiegend in die Entwicklung von Ideen und Vorschlägen zur Lösung von Problemen einbezogen werden.

Darüber hinaus konnten auch einige selbstorganisierte Formate identifiziert werden. Diese werden entweder von Kindern und Jugendlichen selbst oder von Institutionen (also von Erwachsenen) organisiert. Im Gegensatz zu den oben erwähnten Kommissionen und Räten sind selbstorganisierte Formate nicht dezidiert an Geschäfte in Behörden angebunden, sondern verfolgen das Ziel, die Anliegen von Kindern und Jugendlichen sichtbar zu machen und ihnen Gehör zu verschaffen.

Insgesamt fällt auf, dass es eine erhebliche Lücke in der Dokumentation und Evaluation von Partizipationsprojekten mit Kindern und Jugendlichen gibt: Vielfach ist unklar, ob diese nicht durchgeführt oder die Informationen dazu lediglich nicht veröffentlicht wurden.

Frühe Einbindung ist zentral

Als zentrale Erkenntnisse lassen sich festhalten: Entscheidend für das Gelingen der Partizipationsprozesse mit Kindern und Jugendlichen ist eine frühe und «echte» Einbindung: Kinder und Jugendliche sollen bereits in der Konzeption beteiligt sein, damit ihre Perspektiven kontinuierlich einfliessen und kein spätes «Abnicken» beinahe fertiger Vorlagen entsteht. Partizipation braucht zudem genügend Zeit. Wo bewusst eine niedrige Stufe des «Informierens» gewählt wird, sind Ziele und Grenzen transparent zu kommunizieren, um Erwartungen zu klären (Strassburger und Rieger 2014).

Tragfähig wird Partizipation durch Vertrauen, Verbindlichkeit und Lebensweltnähe: Regelmässiger Kontakt, Rückmeldungen zum Projektfortschritt und sichtbare Wirkung der Beiträge verhindern, dass Inputs «versanden». Motivation entsteht, wenn Kinder und Jugendliche nicht nur Meinungen einbringen, sondern auch bei der Umsetzung mitwirken können.

Methodisch sind eine kinder- und jugendgerechte Sprache – gegebenenfalls «Übersetzungsarbeit» – zwischen Akteursgruppen sowie eine kontinuierliche Begleitung zentral. Digitale Formate wie Umfragen oder Plattformen erleichtern die breite, auch anonyme Beteiligung. Klare Rollen, nachvollziehbare Prozesse, Feedbackschlaufen und dauerhafte Ansprechpartner sichern dabei die Qualität und stellen Verbindlichkeit her.

Als besonders herausfordernd erweist sich die Gewinnung einer repräsentativen und diversen Teilnehmendengruppe. Häufig sind Kinder und Jugendliche mit höherem sozioökonomischem Status, ohne Migrationshintergrund und ohne Behinderung überrepräsentiert. Als Zugänge zu Gruppen mit diverseren Merkmalen bieten sich beispielsweise Schulklassen oder Kinder- und Jugendtreffs in Quartieren mit tieferem sozioökonomischem Status an.

Ebenfalls herausfordernd ist der hohe zeitliche Aufwand: Die Kommunikation der Beteiligungsmöglichkeiten, die Rekrutierung und Einarbeitung der Teilnehmenden, die kontinuierliche Begleitung und die Unterstützung sowie die Koordination von Terminen erfordern entsprechende personelle und zeitliche Ressourcen. Diese Ressourcen sollten früh eingeplant und institutionell abgesichert werden, damit Beteiligung nicht zur «Alibi-Übung» wird.

Institutionelle Verankerung stärken

Abschliessend lässt sich sagen: Das im Rahmen der Bestandesaufnahme erarbeitete Modell der Kinder- und Jugendpartizipation sowie die identifizierten Gelingensdimensionen bieten einen Orientierungsrahmen für partizipative Ansätze. Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz erweist sich als vielfältig, jedoch zugleich fragmentiert. Zwar bestehen zahlreiche Mitwirkungsmöglichkeiten bei situativen und themenspezifischen Anliegen, hingegen sind Kinder und Jugendliche bei Problemdefinitionen, Entscheidungsfindungen sowie der Umsetzung von Anliegen und Themen seltener eingebunden.

Es braucht somit eine stärkere institutionelle Verankerung von Partizipation, inklusivere und niedrigschwellige Formate, die über punktuelle Beteiligung hinausgehen, sowie eine systematische Dokumentation und Evaluation entsprechender Vorhaben (vgl. auch Brandstetter et al. 2026 und Wartenweiler et al. 2026).

Literaturverzeichnis

Brandstetter, Johanna; Falkenreck, Mandy; Hobi, Lara; Pohl, Axel; Zellner, Carole (2025). Bestandesaufnahme der Partizipationsformate von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, OST – Ostschweizer Fachhochschule, Studie im Auftrag des BSV.

Brandstetter, Johanna; Falkenreck, Mandy; Hobi, Lara; Wartenweiler, Rahel; Zimmermann, Rahel (2026). Konzept Kinder- und Jugendpartizipation in der Bundesverwaltung, Polsan und OST – Ostschweizer Fachhochschule, Studie im Auftrag des BSV.

Strassburger, Gaby; Rieger, Judith (2014). Partizipation kompakt. Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe.

Wartenweiler, Rahel; Zimmermann, Rahel; Falkenreck, Mandy; Hobi, Lara; Brandstetter, Johanna (2026). Kinder und Jugendliche beteiligen – ein Praxisleitfaden für die Bundesverwaltung, Polsan und OST – Ostschweizer Fachhochschule, Studie im Auftrag des BSV.

Dozentin, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Dozentin und Co-Leiterin, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Professor für Soziale Arbeit, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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