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Mehr Mitbestimmung für Kinder und Jugendliche beim Bund – ein Leitfaden

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) will die Partizipation von Kindern und Jugendlichen auf Stufe Bund stärken. Ein neuer Praxisleitfaden zeigt, wie die Bundesverwaltung das Vorhaben sinnvoll und wirksam umsetzen kann.
Johanna Brandstetter, Mandy Falkenreck, Lara Hobi, Rahel Wartenweiler, Rahel Zimmermann
  |  26. März 2026
    Forschung und Statistik
  • Jugend
  • Kinder
Kinder am Zukunftstag im Medienzentrum des Bundes. (Keystone)

Auf einen Blick

  • Kinder und Jugendliche sollen ihre Perspektiven in die Gestaltung von Projekten der Bundesverwaltung einbringen können – von Strategieplanungen bis zu Sensibilisierungskampagnen.
  • Die Ostschweizer Fachhochschule (OST) hat zusammen mit der Polit- und Kommunikationsagentur Polsan im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) einen Leitfaden zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Bundesverwaltung erstellt.
  • Anhand des Leitfadens lässt sich abklären, ob die Partizipation in einem bestimmten Projekt sinnvoll ist, zudem enthält er Empfehlungen und praktische Hilfsmittel zur Umsetzung.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) will die Partizipation von Kindern und Jugendlichen bei Projekten des Bundes stärken. Damit leistet es einen Beitrag zur Umsetzung der Kinderrechtskonvention der UNO und des darin festgeschriebenen Rechts auf Partizipation: Durch Mitwirkung erfahren Kinder und Jugendliche eine Stärkung ihrer Rolle als aktive Mitglieder der Gesellschaft und setzen sich nachhaltig mit politischen Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen auseinander.  

Im Auftrag des BSV haben wir einen Praxisleitfaden zu Partizipationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in der Bundesverwaltung erstellt (Wartenweiler et al. 2026). Der Leitfaden stützt sich auf das Konzept «Kinder- und Jugendpartizipation in der Bundesverwaltung» (Brandstetter et al. 2025 und Brandstetter et al. 2026). Er wurde unter Einbezug des BSV, einer interdepartementalen Begleitgruppe sowie Kindern und Jugendlichen erarbeitet. Anschliessend wurde er von Schlüsselpersonen aus der Bundesverwaltung getestet.

Ziele auf drei Ebenen

Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Bundesverwaltung erfolgt anhand von Zielen auf drei Ebenen: auf der Ebene der Kinder und Jugendlichen, auf der Ebene der Bundesverwaltung sowie auf gesellschaftlicher Ebene.

Auf der ersten Ebene sollen Kinder und Jugendliche die Gelegenheit zur Mitgestaltung ihrer Lebenswelt beim Bund erhalten. So können sie sich politische Informationen und Wissen aneignen sowie im Zusammenspiel mit staatlichen Akteurinnen und Akteuren soziale und politische Fähigkeiten aufbauen und erfahren Interesse und Verständnis für ihre Anliegen. Dies stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstwirksamkeit und trägt zur demokratischen Bildung bei.

Die Bundesverwaltung wiederum soll durch die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen Expertise über deren Lebenswelten gewinnen. So können Aktivitäten und Prozesse zielführender gestaltet werden, sodass diese von den Anspruchsgruppen verstanden und angenommen werden. Gleichzeitig wird die Sensibilität für Anliegen der Kinder und Jugendlichen in der Bundesverwaltung verstärkt. Und auf der gesellschaftlichen Ebene soll die Partizipation bewirken, dass alle Beteiligten durch ihre Lern- und Gestaltungsprozesse zur Demokratieförderung und Stärkung interdisziplinärer und intergenerationaler Verbindungen beitragen.

Der Leitfaden basiert auf der Annahme, dass bei Kindern und Jugendlichen das Interesse vorhanden ist, sich zu den Themen zu äussern, die sie betreffen – im Hier und Jetzt und auf die Zukunft gerichtet. Partizipation geht damit über eine reine Weitergabe von Informationen und Meinungsabfrage und über den situativen, einmaligen Bezug hinaus. Sprich: Kinder und Jugendliche machen nicht nur als Teilnehmende mit, sondern sind auch als prozessgestaltende Akteurinnen und Akteure angesprochen. Entsprechend gilt es, die Gelegenheiten und Prozesse der Partizipation so zu gestalten, dass Zugänge, Begleitung sowie transparente, offene und realistisch geplante Partizipation gewährleistet sind.

Wann ist Partizipation sinnvoll?

Der Praxisleitfaden bietet Mitarbeitenden der Bundesverwaltung eine Entscheidungshilfe, ob ein partizipatives Vorgehen in einem Projekt sinnvoll und realisierbar ist. Anschliessend führt er durch die konkreten Planungsschritte und bietet im Anhang konkrete Hilfsmittel für die Umsetzung. Der Leitfaden richtet sich primär an Personen, die erste Erfahrungen mit partizipativen Prozessen sammeln wollen. Für diejenigen, die bereits Erfahrungen haben, dient er als Orientierungshilfe und Nachschlagewerk zur konkreten Realisierung von Partizipation bei Geschäften der Bundesverwaltung.

Zu Beginn der Erarbeitung des Leitfadens hat sich die Frage herauskristallisiert, welche Projekt- beziehungsweise Geschäftstypen genügend Gestaltungsspielraum bieten, damit Kinder und Jugendliche ihre Perspektiven in die Bundesverwaltung einbringen können. Dabei ist ausschlaggebend, wie stark Inhalte und Verfahren rechtlich vorbestimmt sind, und ob Öffnungsmomente existieren, die als mögliche Anknüpfungspunkte für Kinder- und Jugendpartizipation dienen können. Gestaltungsspielraum und Öffnungsmomente finden sich grundsätzlich bei Postulatsberichten, Strategie- und Programmplanungen, bei der Erarbeitung von Aktionsplänen oder Sensibilisierungskampagnen sowie in frühen Phasen von Rechtsetzungsprojekten oder Evaluationen.

Ein weiterer zentraler Faktor ist die inhaltliche Relevanz eines Projekts für Kinder und Jugendliche. Viele Vorhaben der Bundesverwaltung haben einen konkreten oder mittelbaren Einfluss auf die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen und/oder sind für künftige Generationen relevant. Dies gilt für Geschäfte im Bereich der sozialen Sicherheit, im Bildungsbereich oder bei Themen wie Gesundheit, Klimawandel oder Digitalisierung. Grundsätzlich gilt: Wo Verwaltungshandeln Auswirkungen auf heutige junge Menschen oder künftige Generationen hat, spricht vieles – so das Ergebnis des Mandats – für die Partizipation von Kindern und Jugendlichen.

Für Partizipationsvorhaben mit Kindern und Jugendlichen ergeben sich daraus folgende Notwendigkeiten:

  • Realistische Planung und Gestaltung des Prozesses.
  • Transparenz aller Beteiligten, sodass diese nachvollziehen können, zu welchem Zweck, in welchem Zeitfenster und mit welchem Auftrag sie partizipieren – und allenfalls auch nicht partizipieren.
  • Abstützung des Partizipationsvorhabens durch die Entscheidungsträgerinnen und -träger: Es braucht die Bereitschaft, die Ergebnisse ernsthaft im Entscheidungsprozess zu berücksichtigen.

Die sorgfältige Prüfung dieser Voraussetzungen ist entscheidend, um zu klären, ob Partizipation im jeweiligen Projekt sinnvoll und umsetzbar ist.

Umsetzung strukturiert planen

Um ein Partizipationsvorhaben in der Bundesverwaltung zu planen, werden in einem ersten Schritt klar festgelegte Ziele benötigt. Kinder und Jugendliche bringen hier ihre lebensweltliche Expertise ein (welche Erfahrungen haben sie gemacht? Welche Herausforderungen und Bedürfnisse haben sie?), unterstützen bei der Identifikation von Problemen und Bedürfnissen, entwickeln Ideen und tragen zur Wirksamkeit von Massnahmen bei (beispielsweise durch Hinweise auf geeignete Informationskanäle oder verständliche Kernbotschaften einer Sensibilisierungskampagne).

Im zweiten Schritt geht es um die Definition, die Auswahl und den Zugang zur Zielgruppe. Dabei gilt der Grundsatz eines möglichst chancengerechten Zugangs zu Partizipationsmöglichkeiten (sprachregionale Verteilung, sozioökonomischer Hintergrund, Geschlecht, Alter). Je nach Thema und Betroffenheit ist es jedoch sinnvoll, Kinder und Jugendliche mit spezifischem Vorwissen im politisch-administrativen Bereich (etwa aus der Mitwirkung in ähnlichen Projekten) oder Kinder und Jugendliche aus bestimmten Kontexten oder Altersgruppen einzubeziehen.

Ein Knackpunkt ist der Zugang zur Zielgruppe. Es ist zentral, sich der Zugangsbarrieren bewusst zu werden und Anknüpfungspunkte zu bestehenden Strukturen zu nutzen. Dazu zählen unter anderem Schulen, Tagesstrukturen, Quartiervereine oder Fachstellen der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Der dritte Schritt stellt die transparente Kommunikation in den Fokus: Partizipation ist ein kontinuierlicher Dialog mit Kindern und Jugendlichen, bei dem die Verwaltung nicht nur zuhört, sondern auch transparent zeigt, wie deren Anliegen in Entscheidungen eingeflossen sind.

Und schliesslich bietet der Leitfaden Hilfen für die Umsetzung – unter anderem konkrete Methoden, praxiserprobte Vorlagen, Anhaltspunkte für die organisatorische Planung in Form von Checklisten, Eckpunkte für die Dokumentation und Auswertung der Ergebnisse sowie Hinweise zu Anlaufstellen für die Umsetzung partizipativer Vorhaben.

Nach dieser Phase der Konzept- und Leitfadenerstellung plant das Bundesamt für Sozialversicherungen nun die Umsetzung von konkreten Partizipationsvorhaben auf Bundesebene. So gelingt es, das im Rahmen der nationalen Strategie für Kinder- und Jugendpolitik gesetzte Ziel der Förderung von Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Rahmen von Projekten der Bundesverwaltung zu stärken.

Literaturverzeichnis

Brandstetter, Johanna; Falkenreck, Mandy; Hobi, Lara; Pohl, Axel; Zellner, Carole (2025). Bestandesaufnahme der Partizipationsformate von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, OST – Ostschweizer Fachhochschule, Studie im Auftrag des BSV.

Brandstetter, Johanna; Falkenreck, Mandy; Hobi, Lara; Wartenweiler, Rahel; Zimmermann, Rahel (2026). Konzept Kinder- und Jugendpartizipation in der Bundesverwaltung, Polsan und OST – Ostschweizer Fachhochschule, Studie im Auftrag des BSV.

Wartenweiler, Rahel; Zimmermann, Rahel; Falkenreck, Mandy; Hobi, Lara; Brandstetter, Johanna (2026). Kinder und Jugendliche beteiligen – ein Praxisleitfaden für die Bundesverwaltung, Polsan und OST – Ostschweizer Fachhochschule, Studie im Auftrag des BSV.

Dozentin, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Dozentin und Co-Leiterin, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Soziale Arbeit und Räume, OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Senior Beraterin, Polsan
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Senior Beraterin, Polsan
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