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Die Schweiz hat eine der höchsten Erwerbsquoten in Europa

Die Schweiz verzeichnet mit 84 Prozent eine der höchsten Erwerbsquoten Europas. Dazu tragen unter anderem die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen, die weitverbreitete Teilzeitarbeit sowie das Berufsbildungssystem bei.
Boris Kaiser, David Liechti, Lukas Gebhardt
  |  22. Oktober 2026
    Forschung und Statistik
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Die Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen ist in der Schweiz seit den 1990er-Jahren stark gestiegen. (Alamy)

Auf einen Blick

  • Die Nettoerwerbsquote der Schweiz liegt mit 84 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt von 76 Prozent und ist die zweithöchste in Europa.
  • Seit den 1990er-Jahren hat insbesondere die Erwerbsbeteiligung der Frauen stark zugenommen.
  • Begünstigend wirken unter anderem die verbreitete Teilzeitarbeit und das Berufsbildungssystem.

Die Arbeitsmarktbeteiligung ist in der Schweiz im europäischen Vergleich hoch. Im Jahr 2025 lag die sogenannte Nettoerwerbsquote gemäss Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei 84 Prozent, während sie in den EU-Ländern durchschnittlich 76 Prozent betrug. Nur die Niederlande haben mit 86 Prozent eine noch höhere Quote. Am tiefsten ist sie in Italien mit 67 Prozent. Gleichzeitig zeigt das Armutsmonitoring der Schweiz: Erwerbstätige sind nur rund ein Viertel so oft armutsbetroffen wie Nichterwerbstätige.

Die Erwerbsquote stieg dank den Frauen

Die Nettoerwerbsquote zeigt das Verhältnis der Erwerbstätigen und Erwerbslosen zur Wohnbevölkerung in der Altersgruppe der 15­ bis 64-Jährigen. Mitgezählt werden also auch die Erwerbslosen, die aktiv nach Arbeit suchen.

Seit Beginn der 1990er-Jahre ist die Erwerbsquote in der Schweiz und in vielen EU-Ländern deutlich gestiegen. Diese Entwicklung ist hauptsächlich auf die stark gestiegene Arbeitsmarktpartizipation der Frauen zurückzuführen. Im Jahr 1991 waren 68 Prozent erwerbstätig oder auf Stellensuche; im Jahr 2025 waren es circa 81 Prozent.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Erstens nahm der Anteil der Frauen mit Hochschulabschluss stark zu. Diese Bildungsexpansion ging mit höheren Löhnen einher und damit auch mit höheren Opportunitätskosten der Nichterwerbstätigkeit.

Zweitens dürfte auch der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungswirtschaft dazu beigetragen haben, weil Frauen häufiger dienstleistungsorientierte Berufe wählen – zum Beispiel im Gesundheits- oder Sozialwesen (Ngai und Petrongolo 2017; BFS 2026). Drittens spielte auch die staatliche Förderung von externer Kinderbetreuung eine wichtige Rolle (Ravazzini 2018). Sie erleichtert es insbesondere Müttern mit kleinen Kindern, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder weiterzuführen. Viertens haben sich gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlechterrollen und Familie verändert (Goldin 2006).

Männer: Erwerbsquote nach Rückgang stabil

Bei den Männern verlief die Entwicklung anders. Ihre Erwerbsquote sank in der Schweiz von rund 91 Prozent im Jahr 1991 auf gut 87 Prozent im Jahr 2005. Seither blieb sie weitgehend stabil. Ein Grund ist die längere Ausbildungszeit, weil der Anteil der jungen Erwachsenen, die an Hochschulen studieren, stark zunahm. Weitere Gründe sind mehr Frühpensionierungen oder Arbeitsmarktaustritte infolge von Invalidität oder Aussteuerungen. Beides dürfte zumindest teilweise mit der Rezession während der 1990er-Jahre zusammenhängen.

In der EU sank die Erwerbsquote der Männer bis etwa 2003 ebenfalls leicht, stieg aber seither wieder an (siehe Grafiken 1). In Deutschland ist der deutliche Anstieg ab 2003 unter anderem auf eine Reihe von Arbeitsmarktreformen (Hartz-Reformen) zurückzuführen.

Welche Rolle spielt die Teilzeitarbeit?

Doch weshalb ist die Erwerbsquote in der Schweiz höher als in den meisten anderen europäischen Ländern? Ein naheliegender Grund ist die weitverbreitete Teilzeitarbeit. Sie erleichtert die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung und ermöglicht es häufiger, dass beide Elternteile erwerbstätig sind. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist Teilzeitarbeit hierzulande wesentlich stärker verbreitet als in den meisten europäischen Ländern (siehe Grafik 2). Mögliche Gründe sind die vergleichsweise hohen Kinderbetreuungskosten, steuerliche Anreize wie etwa hohe Grenzsteuersätze bei Zweitverdienerinnen sowie das hohe Lohnniveau.

Tiefe Steuern, starke Berufsbildung, wenig Frühpensionierungen

Neben der Teilzeitarbeit dürften auch weitere Faktoren eine hohe Arbeitsmarktbeteiligung in der Schweiz begünstigen. Erstens ist die Steuer- und Abgabenlast auf den Erwerbseinkommen in der Schweiz im internationalen Vergleich eher tief (OECD 2026). Das macht Erwerbsarbeit finanziell attraktiv.

 Bei verheirateten Zweitverdienenden kann die gemeinsame Besteuerung allerdings gegenteilige Anreize setzen. Die 2026 angenommene Individualbesteuerung soll diese steuerlichen Hürden reduzieren. Sie tritt voraussichtlich 2032 in Kraft.

Zweitens gibt es in der Schweiz keine flächendeckenden gesetzlichen Mindestlöhne. Dies erlaubt es den Unternehmen, auch Personen mit geringer Produktivität einzustellen. Drittens führt die stark verankerte Berufsbildung dazu, dass viele Jugendliche mit einer Berufslehre sehr früh in den Arbeitsmarkt eintreten. Da Lernende als Erwerbstätige gelten, ist die Erwerbsquote bei den 15‑ bis 24-Jährigen in der Schweiz mit 66 Prozent gemäss OECD relativ hoch. Zum Vergleich: Der EU-Schnitt liegt bei 41 Prozent. 

Viertens ist auch die Arbeitsmarktbeteiligung der älteren Personen überdurchschnittlich hoch. In der Schweiz verlassen ältere Männer den Arbeitsmarkt durchschnittlich ein halbes Jahr später als in der EU (OECD 2025). Bei den Frauen beträgt der Unterschied sogar 1,7 Jahre.

Und letztlich trägt auch die arbeitsmarktgetriebene Zuwanderung zur hohen Erwerbsquote bei. Die Zuwanderung – vor allem aus der EU – ist stark von der Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften geprägt. Entsprechend kommen viele Erwerbstätige in die Schweiz, was die Quote erhöht.

Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik fördern Erwerbsbeteiligung

Der Schweizer Arbeitsmarkt zeichnet sich zudem durch mehrere institutionelle Besonderheiten aus: so etwa durch eine solide Nachfrage nach Arbeitskräften und einen vergleichsweise wenig ausgeprägten Kündigungsschutz, aktive Wiedereingliederungsmassnahmen bei Arbeitslosigkeit sowie Kurzarbeit, die in konjunkturellen Abschwüngen Arbeitsplätze erhalten kann.

Alle diese Rahmenbedingungen tragen zu einer tiefen Arbeitslosigkeit bei, was wiederum das Risiko vermindert, dass Erwerbslose ganz aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Zudem zielt die Invalidenversicherung als «Eingliederungsversicherung» darauf ab, Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen möglichst lange im Arbeitsmarkt zu halten.

Die hohe Erwerbsquote in der Schweiz bedeutet allerdings nicht, dass hierzulande auch mehr gearbeitet wird. Denn mit geschätzt rund 1385 Arbeitsstunden pro Kopf der 20- bis 64-Jährigen liegt die Schweiz gemäss eigenen Berechnungen anhand von Eurostat-Zahlen nur leicht über dem EU-Durchschnitt von rund 1300 Stunden. Die Arbeit verteilt sich hierzulande also einfach auf mehr Köpfe.

Dieser Beitrag ist am 6. Oktober 2026 in der Publikation «Die Volkswirtschaft» erschienen. Er entspricht den dort geltenden Redaktionsrichtlinien.

Literaturverzeichnis

BFS (2026). Arbeitsmarktindikatoren 2026 – kommentierte Ergebnisse.

Goldin, Claudia (2006).The Quiet Revolution that Transformed Women’s Employment, Education, and Family. American economic review 96(2), 1–21.

Ngai, L. Rachel; Petrongolo, Barbara (2017). Gender gaps and the rise of the service economy. American Economic Journal: Macroeconomics, 9(4), 1–44.

OECD (2025). Pensions at a Glance 2025. 

OECD (2026). Taxing Wages 2026 – Switzerland (Country Note). 

Ravazzini, Laura (2018). Childcare and maternal part-time employment: a natural experiment using Swiss cantons. Swiss journal of economics and statistics, 154(1), 15.

Dr. rer. oec., Senior Berater, BSS Volkswirtschaftliche Beratung
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Leiter Geschäftsbereich Arbeitsmarkt, BSS Volkswirtschaftliche Beratung
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Wissenschaftlicher Assistent, BSS Volkswirtschaftliche Beratung
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