Auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angesprochen, antwortete der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker kürzlich an einer Veranstaltung: «Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit. Ich würde das nicht als Arbeit sehen.» Der Aufschrei war gross, bis hin zu Rücktrittsforderungen. Der Kanzler, zweifacher Vater, entschuldigte sich halbherzig.
Hüben und drüben herrscht dieselbe Ignoranz. In der Schweiz ist vieles strukturell sogar noch schwieriger. Die Erwerbsquote von Frauen ist hierzulande zwar deutlich höher als in Österreich und im EU-Durchschnitt. Aber unbezahlte Sorgearbeit gilt auch hier noch immer als selbstverständlich – und damit als wertlos. Bester Ausdruck dieser Haltung ist eine seit Jahren andauernde Kampagne gegen Teilzeitarbeit, die hier als Ausdruck von Faulheit, laut einem Kommentar in der NZZ als Symptom einer «Dolce-Vita-Gesellschaft» gesehen wird. Das Hauptproblem: Durch tiefe Pensen gehe «wertvolles Arbeitskräftepotenzial verloren», wie der «Tages-Anzeiger» schreibt.
Falsche Fürsorge
Unterdessen gibt sich die Kampagne etwas fürsorglicher: Man wolle nur verhindern, dass Frauen mit kleinem Pensum ihre Rente schwächen. «Schon eine einfache Massnahme bewegt sie zu mehr Arbeit», schreibt der Tages-Anzeiger; als müsste man die Frauen nur etwas zu ihrem eigenen Glück «bewegen».
Die Zahlen entlarven dieses Wohlwollen als Ignoranz gegenüber der Sorgearbeit. Frauen arbeiten deutlich häufiger als Männer Teilzeit – und während Männer gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) tatsächlich eher für Weiterbildungen und Frühpensionierungen zurückschrauben, ist die Teilzeit von Frauen überwiegend durch Sorgearbeit bedingt. Insgesamt arbeiteten Frauen im Jahr 2024 bezahlt und unbezahlt mehr als Männer: 57,1 Stunden pro Woche, Männer lediglich 54,3.
Unbezahlt leisten Frauen jede Woche über 12 Stunden mehr (34,9 gegenüber 22,8 Stunden) – und sind mangels Anerkennung dieser Arbeit finanziell schlechter abgesichert.
Eine Woche weniger freie Zeit – pro Jahr
Frauen haben insgesamt weniger Zeit für sich, für Erholung, für Schlaf, für Hobbys oder eben fürs «Dolce Vita». Jedes Jahr fehlt Frauen in der Schweiz im Vergleich zu den Männern dadurch fast eine Woche. Gerade Mütter, insbesondere alleinerziehende, leiden nicht nur überproportional an finanzieller, sondern auch an Zeitarmut.
Wer so tut, als sei nur Vollzeit richtige Arbeit, ignoriert, dass Care-Arbeit sich nicht von selbst erledigt. Ein Baby braucht 24 Stunden Betreuung, ein Kind mit Behinderung vielleicht ein Leben lang. Wer betreut die Kinder, die Kranken, die Alten, wenn alle Frauen Vollzeit berufstätig sind? Die Männer? Die hat die Gleichstellungspolitik vernachlässigt: Männer leben bezüglich Sorgearbeit vielfach noch wie in den 1950er-Jahren, sie vertrauen auf eine Frau, die ihnen den «Rücken freihält». Oder sie überlassen die Arbeit schlecht bezahlten Nannys oder Kita-Angestellten, oftmals mit Migrationsbiografie.
Die Kampagne gegen Teilzeit entpuppt sich also als Kampagne gegen Mütter und andere Sorgearbeiterinnen – in kompletter Ignoranz all ihrer Leistungen.
Höchste Arbeitszeit Europas
Dabei ist nicht Teilzeit das Problem, sondern die hohe Normalarbeitszeit. Im Jahr 2025 leisten Erwerbstätige in der Schweiz gemäss Eurostat durchschnittlich 42,9 Stunden pro Woche – in Europa einsame Spitze. Ein 80-Prozent-Pensum entspricht damit rund 34 Stunden; in Belgien oder den Niederlanden wäre das fast Vollzeit. Dazu kommt: Den Ernährerlohn, auf dem der 8-Stunden-Tag beruht, gibt es nicht mehr. Ein einzelner Lohn reicht einer Familie kaum mehr zum Leben. Die Aufforderung, Frauen sollten nun endlich alle in hohen Pensen arbeiten, übersieht, dass die Sorgearbeit trotzdem bleibt. Frauen machen also beides – kein Wunder, sind die Burnout-Raten bei Müttern so hoch.
Warum nicht Direktzahlungen wie in der Landwirtschaft?
Auch wir kritisieren die Teilzeit – aber aus anderen Gründen. Nicht weil Frauen zu wenig arbeiten, sondern weil Teilzeit strukturell schlecht abgesichert ist. In der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) federn Betreuungsgutschriften die Sorgearbeit immerhin ab, in der zweiten Säule fehlt ein Ausgleichsmechanismus. Zusätzlich schmälert der Koordinationsabzug bei kleinen Pensen die Beiträge an die berufliche Vorsorge. Am Ende drohen tiefe Renten und Ergänzungsleistungen. Genau hier müsste die Sozialpolitik ansetzen.
Lösungen gibt es viele. Der stärkste Hebel wäre eine kürzere Normalarbeitszeit, wie sie in anderen wohlhabenden Ländern längst normal ist, ohne Schaden für die Wirtschaft. Warum soll das ausgerechnet in der reichen Schweiz nicht möglich sein?
Denkbar sind auch andere bewährte Rezepte: Wie Landwirte für Landschaftspflege und Biodiversität könnten Menschen Direktzahlungen für Care-Arbeit erhalten, weil sie einen Dienst an der Gemeinschaft vollbringen. Oder, noch besser: ein Grundeinkommen für Kinder. Plus eine echte, flexible Elternzeit, die den Leistungen der Mütter Rechnung trägt und die einen Teilzeitbezug ermöglicht.
Es ist ähnlich wie bei der Klimaerhitzung
Wir hören sie schon, die Frage: Wer soll das bezahlen? Das ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Wer zahlte bisher den Preis? Die Mütter – mit Einkommens- und Rentenlücken, Armut, Burn-outs und tiefen Renten. Und was kostet es uns, nichts zu tun?
Beim Klima wurde jahrzehntelang vergeblich gewarnt und weggeschaut, bis die Welt brannte. Auch bei der Sorgearbeit sind die Alarmzeichen da – tiefe Geburtenraten, erschöpfte Mütter, Personalnot in Spitälern und Heimen. Anders als beim Klima ist der Kipppunkt aber vielleicht noch nicht erreicht. Wir können gegensteuern – mit einer Politik, welche die existenzielle Sorgearbeit ins Zentrum stellt, sie sichtbar macht und absichert. Sonst zahlen wir bald alle die Rechnung, insbesondere Mütter.
Nicht von ungefähr verspricht der Care-Streik 2027 gross zu werden. Vielleicht hört dann auch in der Schweiz die Politik endlich die Signale.
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