Auf einen Blick
- «Care Farming» im Alter verbindet Landwirtschaft mit Betreuung und ermöglicht älteren Menschen sinnvolle Aktivitäten in einem natürlichen Umfeld.
- Ein Policy-Projekt an der ETH Zürich will den Dialog zu Care Farming im Alter in der Schweiz anstossen; dazu wurde eine Roadmap erstellt.
- Care-Farming-Angebote brauchen klare Betriebskonzepte, gute Rahmenbedingungen und verlässliche Finanzierung.
Für Kinder, Jugendliche und jüngere Erwachsene mit Beeinträchtigung oder Lernschwierigkeiten existiert «Care Farming» schon seit Jahrzehnten (Wydler et al. 2013). Mit dem Begriff «Care Farming» werden soziale Dienstleistungen auf Landwirtschaftsbetrieben in den Bereichen Betreuung, Begleitung und Pflege bezeichnet.
In den vergangenen Jahren wurde das Konzept auf die Generation der über 65-Jährigen ausgeweitet. So finden sich in immer mehr europäischen Ländern Angebote auf Bauernhöfen für ältere Menschen. Je nach ihren körperlichen, geistigen und kognitiven Möglichkeiten helfen diese bei der Arbeit mit Pflanzen, Tieren oder im Haushalt (Filippo und van Meel 2023). Die Angebote sind entweder vorübergehend oder dauerhaft. Ziel der Angebote ist es, die Gesundheit älterer Menschen zu erhalten, ihre soziale Teilhabe zu fördern und Vereinsamung vorzubeugen – kurz: zu Gesundheit, Wohlbefinden und Selbstbestimmung beizutragen (Busch 2020).
Niederlande als Leuchtturm
Die Niederlande gelten als Vorreiterin im Care Farming im Allgemeinen (Hassink et al. 2020) und für ältere Menschen im Speziellen (De Bruin et al. 2010). Schon seit Jahrzehnten gibt es dort Angebote auf Landwirtschaftsbetrieben, auch in Form von Kooperationen mit Alterseinrichtungen. Beispiele sind körperlich angepasste Tätigkeiten wie etwa die Verarbeitung von Gemüse und Kräutern, die Hilfe im Hofladen oder in einem Hof-Café, das Füttern oder Begleiten von Tieren auf der Weide oder die Mitarbeit im Haushalt.
Beispiele für Care-Farming-Projekte für ältere Menschen finden sich unter anderem auch in Deutschland, Irland, Portugal und Slowenien; eine gute Übersicht bietet die Website farmelder.eu. Norwegen wiederum zeichnet sich durch zahlreiche Forschungsarbeiten zu Care Farming für Menschen mit Demenz aus (Pedersen et al. 2022).
Transdisziplinäres Vorgehen
Welche Diskurse werden in der Schweiz zu Care Farming für ältere Menschen geführt? Am Transdisciplinarity Lab der ETH Zürich sind wir dieser Frage nachgegangen. In einer Roadmap für die Schweiz zeigen wir zentrale Themen sowie zukünftige Aktivitäten zu Care Farming im Alter auf. Dabei verweisen wir auf wichtige Akteure in Praxis, Forschung und Verwaltung.
Im Rahmen unseres Projekts führten wir einen Workshop mit 17 Personen aus Seniorenorganisationen, Altersfachstellen, Institutionen der Pflege und Betreuung, Landwirtschaftsverbänden, Vermittlungsorganisationen sowie öffentlicher Verwaltung und Politik durch. Ziel war es, einen Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu ermöglichen. Zudem begleitete ein Beirat mit Expertise zu Alter, Green Care, Landwirtschaft und Pflege das Projekt aus fachlicher Sicht. Schliesslich führten wir drei Sondierungsgespräche mit Fachpersonen zu Care Farming im Alter aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden durch.
Im gesellschaftlichen Kontext betrachten
Care Farming hängt stark von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen ab. Infolge der demografischen Alterung steigt beispielsweise die Zahl der Einpersonenhaushalte. Auch in der Landwirtschaft vollzieht sich ein Strukturwandel hin zu grösseren Betrieben. Im Gesundheits- und Sozialwesen wiederum gilt die Prämisse «ambulant vor stationär».
Kommt hinzu: Sowohl die Landwirtschaft als auch die Gesundheits- und Sozialbranche sind Sektoren mit einer hohen Regulierungsdichte, man denke an Zonenpläne sowie Personal- und Qualitätsvorgaben. Die Bedürfnisse der älteren Generation und der einzelnen Betriebe stehen somit in einem Spannungsfeld zu den regulatorischen Rahmenbedingungen, die von politischen und staatlichen Interessen geprägt sind.
Dies birgt einerseits Chancen: In strukturschwachen Regionen können Höfe ihr Angebot diversifizieren, oder Angebote auf städtischen Bauernhöfen wirken der Vereinsamung in dicht besiedelten Regionen entgegen. Gleichzeitig gibt es Risiken. So besteht die Gefahr, das Leben auf einem Landwirtschaftsbetrieb zu romantisieren. Denn gerade die Arbeit mit Tieren und Maschinen kann anstrengend sein und birgt Verletzungsrisiken. Zudem brauchen neue Angebote Investitionen, was im Betriebskonzept berücksichtigt werden muss. Eine Hilfestellung bieten Kurse wie «Betreuung im ländlichen Raum» von Inforama, einem Bildungszentrum im Landwirtschaftsbereich im Kanton Bern.
Im Rahmen des Projekts haben wir landwirtschaftliche Pionierbetriebe in der Schweiz identifiziert (siehe Abbildung 1). Sie entwickelten je nach den lokalen Gegebenheiten erste Angebote und teils auch Konzepte speziell für ältere Menschen.
Weitere Höfe finden sich auf der Website von Green Care Schweiz.
Diese Betriebe entscheiden meist anhand von Topografie und Agrarproduktion – wie beispielsweise Gemüsebau oder Hofladen über das Care-Farming-Angebot. Vielfach sind dabei die vorhandenen Fachkenntnisse der Mitarbeitenden ausschlaggebend. So können beispielsweise eine Pflegefachfrau oder ein Sozialpädagoge den Anstoss für Care Farming im Alter auf einem Bauernhof geben. Den Betrieb haben diese Fachleute vielleicht geerbt oder sind eingeheiratet. Sie passen die bisherige Agrarproduktion personell, infrastrukturell und finanziell an (vgl. Hadorn und Sokac 2024). Dazu gehört allenfalls auch die Zusammenarbeit mit der lokalen Spitex. Hof-Mitarbeitende, die über eine Mindestqualifikation in Pflegehilfe verfügen, können sich auch bei der Spitex anstellen lassen.
Grosse Themenvielfalt
Das Projekt brachte vielfältige Themenstränge zum Auf- und Ausbau von altersgerechten Dienstleistungen auf Bauernhöfen hervor (siehe Abbildung 2). Die Gesamtschau der Themenvielfalt weist auf die hohe Komplexität von Care Farming im Alter hin. Ein Thema isoliert zu berücksichtigen, um altersgerechte Dienstleistungen auf Bauernhöfen auf- und auszubauen, ist deshalb nicht zielführend. Gleichwohl müssen Akteure pragmatisch beginnen können und erste Erfahrungen sammeln.
Eine zentrale Empfehlung ist, frühzeitig die lokale Gemeinde und die öffentliche Verwaltung zu kontaktieren, denn sowohl die Landwirtschaft als auch die Pflege und Betreuung sind stark reglementiert. Deshalb sind Investitionen vorausschauend zu planen.
Roadmap in zwei Phasen
In der Roadmap werden die einzelnen Themen sichtbar gemacht und vorangetrieben. Die Roadmap zeigt auf, wie die beteiligten Akteure im Bereich Landwirtschaft, Altersfachstellen und Betreuungsorganisationen am flächendeckenden Zugang zu Care Farming im Alter mitwirken können. Der zeitliche Fahrplan der Roadmap umfasst zwei Zeithorizonte, wobei beim ersten ein Anschlussprojekt der ETH im Januar 2026 startet.
Bis mindestens 2030 läuft die Auf- und Ausbauphase. Um Care Farming im Alter kontinuierlich voranzubringen, sind dabei folgende Aktivitäten und Pilotprojekte erforderlich:
- Wissensaufbau (z. B. digitales ABC für zentrale Informationen)
- Auf- und Ausbau von Grundlagen (z. B. Qualitätsanforderungen)
- Vernetzung bestehender Aktivitäten (z. B. Gruppe zum Austausch von Erfahrungen von Landwirtschaftsbetrieben mit bestehenden Dienstleistungsangeboten)
- Initiative für lokale und regionale Pilotprojekte
- Standardisierung (z. B. Bildungsanforderungen sowie Kosten- und Finanzierungsplan)
- Professionalisierung der Betriebe (z. B. Web-Auftritt der Höfe und Bewertungsmöglichkeiten)
- Betriebskonzepte erstellen (personell, finanziell und strukturell)
- Messgrössen festlegen (z. B. betreute Personen, Zufriedenheit von Nutzenden und Angehörigen)
Aus diesen Erfahrungen und Kenntnissen soll anschliessend bis 2035 folgendes Zielbild entstehen:
- Landesweite Integration in regionale Pflege- und Sozialdienstleistungen
- Stabile Finanzierung der Angebote in Landwirtschaftsbetrieben (z. B. umgesetzte Betriebskonzepte und finanzielle Starthilfe)
- Breite Öffentlichkeit ist dank allgemein verfügbarer Kommunikationskanäle informiert
- Die Generation der über 65-Jährigen hat Wahlmöglichkeiten für Angebote auf Bauernhöfen
Dachorganisation seit 2022 und weitere Akteure
Ein bereits bestehender Treiber von Care Farming in der Schweiz ist die 2022 gegründete Dachorganisation Green Care Schweiz. Sie sorgt für die schweizweite Vernetzung im Bereich Care Farming.
Weitere wichtige Akteure sind Organisationen, die Personen für betreutes Wohnen und Tagesstrukturen auf Landwirtschaftsbetrieben vermitteln (z. B. Stiftung LuB, wobeag). Diese Organisationen verfügen über Erfahrung in der Qualitätssicherung, die vor dem Hintergrund der Geschichte von Verdingkindern auf Schweizer Bauernhöfen besonders relevant ist. Expertise bringen auch Altersorganisationen wie etwa der Schweizerische Seniorenrat oder Innovage ein, sowie Bauernverbände und Heim- und Spitexverbände.
Schliesslich sind – so wurde im Projekt deutlich – auch Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten Schlüsselpersonen, indem sie lokale Rahmenbedingungen schaffen, die das Engagement zugunsten von Care Farming im Alter unterstützen.
Literaturverzeichnis
Busch, Claudia (2020). Social services for seniors on farms: perspectives in Germany. In: Annett Steinführer, Anna-Barbara Heindl, Ulrike Grabski-Kieron; Anja Reichert-Schick (Hg.): New rural geographies in Europe. Actors, processes, policies. 65–86.
De Bruin, Simone; Oosting, Simon; van der Zijpp, Akke; Enders-Slegers, Marie-José; Schols, Jos (2010). The concept of green care farms for older people with dementia. In: Dementia 9 (1): 79–128.
Filippo, Martina; van Meel, Dorit (2023). «Wenn Silber auf Grün trifft». Abschlussbericht zur Ausschreibung Angewandte Gerontologie (AGe+) – Förderung der Forschung und forschungsgeleiteter Lehre / Weiterbildung. Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.
Hadorn, Corinne; Sokac, Sandra (2024). Betröig ufem Burehof Seelfride. Erfahrungsbericht 2022–2024.
Hassink, Jan; Agricola, Herman; Veen, Esther J.; Pijpker, Roald; Bruin, Simone R. de; van der Meulen, Harold A. B.; Plug, Lana B. (2020). The Care Farming sector in The Netherlands: A reflection on its developments and promising innovations. In: Sustainability 12 (9): 3811.
Pedersen, Ingeborg; Ellingsen-Dalskau, Lina; Patil, Grete (2022). Characteristics of farm based day care services for people with dementia – mapping the stakeholders’ views. Wellbeing, Space and Society 3:100073.
Wydler, Hans; Stohler, Renate; Christ, Yvonne Therese; Bombach, Clara (2013). Care Farming – eine Systemanalyse: Schlussbericht.