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Trotz weniger Unfällen: Arbeitsabsenzen nehmen zu

Die Zahl der Arbeitsunfälle sinkt, und dank guter Gesundheit arbeiten Erwerbstätige über das Pensionsalter hinaus. Eine Erfolgsgeschichte. Doch die krankheitsbedingten Absenztage nehmen zu.
Simone Hofer Frei, Valérie Müller, Luc Zobrist, Corinne Knöpfel
  |  12. Januar 2026
    Forschung und StatistikRecht und Politik
  • Arbeit
  • Unfallversicherung
Die Arbeitssicherheit in der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren verbessert. Sägewerk in Savognin GR (Keystone/Stefan Bohrer)

Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf ist in der Schweiz seit 1990 um 27 Prozent gewachsen. Dieser zunehmende Wohlstand ging auch einher mit einer besseren Gesundheit (Pritchett und Summers 1996). In der gleichen Zeitspanne stieg die Lebenserwartung gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) hierzulande um 9 Prozent. Dank medizinischer sowie sicherheitstechnischer Fortschritte sank die Sterblichkeit durch Krankheiten wie Krebs sowie durch Unfälle deutlich.

Zwischen Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit besteht ein enges, wechselseitiges Verhältnis. Die bessere Gesundheit hat nämlich wiederum einen positiven Effekt auf die Erwerbstätigkeit: Wir leben nicht nur länger, sondern bleiben auch länger gesund und damit «arbeitsfähig». Das ist für den Arbeitsmarkt eine Chance. Denn mit Krankheiten, die noch vor einigen Jahrzehnten fast sicher zum vorzeitigen Austritt aus dem Arbeitsleben führten, kann man heute dank medizinischem Fortschritt oft noch Jahre – auch über das Pensionsantrittsalter hinaus – weiterarbeiten. Die bessere Gesundheit ist zwar nicht der einzige Grund für die steigende Erwerbsquote bei den über 55- und auch bei den über 65-Jährigen. Dennoch ist die Gesundheit eine notwendige Bedingung.

Arbeiten wird sicherer

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert – und damit auch die Gesundheitsrisiken. Als Folge von Strukturwandel, technologischem Fortschritt, sinkender Arbeitszeit und wirksamer Prävention hat sich die Arbeitssicherheit verbessert. Gemäss der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) hat sich die Zahl der registrierten Unfälle am Arbeitsplatz seit den 1980er-Jahren nahezu halbiert; sie lag 2023 bei 59 Fällen pro 1000 Vollzeitbeschäftigten. Im Gegensatz dazu ist bei den Freizeitunfällen kein Abwärtstrend zu beobachten (siehe Grafik 1). Als Folge der veränderten Arbeitswelt hat sich der Fokus zunehmend von der Arbeitssicherheit weg und hin zu einem umfassenden gesundheitlichen Arbeitsschutz verschoben, der auch psychische Risiken berücksichtigt.

Steigende Absenzen

Doch trotz des Rückgangs bei den Unfällen am Arbeitsplatz: Die gesundheitsbedingten Absenzen vom Arbeitsplatz sind in der Schweiz zwischen 2010 und 2024 um mehr als ein Drittel gestiegen, von 6,3 auf 8,5 Tage pro Jahr und Vollzeitstelle. Unter der Annahme, dass der Lohn der Produktivität der Arbeit entspricht, beliefen sich im Jahr 2024 die volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund von krankheits- und unfallbedingten Absenzen auf rund 12 Milliarden Franken in Form von Produktionsverlusten (siehe Grafik 2). Das sind rund 1,5 Prozent des BIP. Gegenüber 2010 sind das 4,4 Milliarden Franken mehr pro Jahr oder, gemessen am BIP, eine prozentuale Zunahme von einem Viertel.

Tatsächlich sind die Kosten aber noch höher. Denn noch nicht in den 12 Milliarden Franken enthalten ist der organisatorische Mehraufwand für die Unternehmen im Falle solcher Absenzen. Mitarbeitende müssen einspringen und Mehrarbeit leisten, was für diese eine zusätzliche Belastung bedeutet. Ausserdem verschärfen die Absenzen den Arbeitskräftemangel, und sie können dazu führen, dass Projekte oder auch Innovationen aus Kapazitätsgründen zurückgestellt werden müssen. Ist eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt nicht möglich, resultiert für sie gar ein Verlust an Humankapital.

Psychische Erkrankungen, Absentismus und Alterung

Weshalb die gesundheitsbedingten Absenzen zunehmen, lässt sich nicht restlos klären, auch weil in den BFS-Statistiken keine Informationen zu den medizinischen Ursachen vorliegen. Drei Faktoren dürften jedoch eine Rolle spielen:

  • Erstens nehmen Arbeitsunfähigkeiten aus psychischen Gründen zu. Laut Auswertungen von Daten von Swica und PK Rück sind bei Krankentaggeldversicherungen die Fallzahlen mit der Diagnose «psychische Erkrankung» im Verhältnis zum Versicherungsbestand innerhalb von zehn Jahren um rund 60 Prozent gestiegen. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich bei der Invalidenversicherung (IV) beobachten: Jede zweite IV-Neurente wird heute aufgrund einer psychischen Erkrankung zugesprochen. Besonders auffällig ist die Zunahme bei den jungen Generationen. Herausforderungen am Arbeitsplatz können dabei eine Rolle spielen, aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wie die Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen könnten einen Einfluss haben. Krankschreibungen aufgrund von psychischen Problemen führen zu überdurchschnittlich langen Absenzen und oft zu einem Verlust der Arbeitsstelle (siehe Baer et al. 2022).
  • Zweitens könnte die Zunahme der Absenzen auch damit zu tun haben, dass sich das Verhalten seit der Coronapandemie geändert hat: Um Ansteckungen zu vermeiden, bleibt man heute unter Umständen eher krankheitsbedingt zu Hause, statt gesundheitlich angeschlagen zur Arbeit zu gehen. Übereinstimmend mit dieser möglichen Erklärung zeigen die Zahlen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) des BFS, dass der Anteil der Erwerbstätigen, die in den vergangenen vier Wochen eine gesundheitsbedingte Absenz von mindestens einem halben Tag hatten, zugenommen hat: Er stieg von 12 Prozent (2010) auf 18 Prozent (2024). Hingegen hat die mittlere Absenzendauer abgenommen, von 4,2 (2010) auf 3,7 Tage (2024). Das zeigt: Ein grösserer Anteil der Erwerbstätigen ist häufiger krank – wenn auch im Schnitt weniger lang.
  • Drittens spielt auch das Alter eine Rolle. Wie zu Beginn des Artikels dargestellt, sind ältere Personen heute zwar gesünder als frühere Generationen. Dennoch nehmen chronische Erkrankungen insgesamt zu. Der Grund liegt in der demografischen Entwicklung: Das mittlere Alter der Erwerbsbevölkerung steigt und damit auch der Anteil von Erwerbspersonen mit chronischen Erkrankungen. Das heisst: Ältere Erwerbstätige, die einen immer grösseren Anteil an der Arbeitsbevölkerung ausmachen, fehlen zwar seltener krankheitshalber – etwa nur halb so häufig wie ihre jüngsten Kolleginnen und Kollegen –, dafür dauern ihre Absenzen im Krankheitsfall aber oft länger, was insgesamt zu mehr Absenzen führt.

Unter dem Strich lässt sich also sagen: Die Arbeitswelt ist zwar sicherer geworden, was sich in weniger Unfällen zeigt. Gleichzeitig haben jedoch krankheitsbedingte Absenzen und die damit verbundenen Kosten zugenommen. Die Gründe für die Zunahme der Absenzen sind vielfältig und nicht zuletzt durch gesellschaftliche Entwicklungen geprägt. Die Ursache einzig bei der Arbeit selbst zu suchen, greift sicher zu kurz. Gleichwohl tragen letztlich die Unternehmen einen wesentlichen Anteil an den Kosten zunehmender Absenzen. Sie haben daher ein grosses Interesse an gesunden Mitarbeitenden.

Dieser Beitrag ist am im November 2025 in der Publikation «Die Volkswirtschaft» erschienen. Er entspricht den dort geltenden Redaktionsrichtlinien.

 

Literaturverzeichnis

  • Baer, Niklas et al. (2022): WorkMed, HSD Hochschule Döpfer, SWICA Krankenversicherung, ValueQuest: Krankschreibungen aus psychischen Gründen in der Schweiz: Hintergründe, Verläufe und Verfahren
  • Pritchett, Lant; Summers, Larry H. (1996). Wealthier is Healthier, In: Journal of Human Resources, 31, 841–868.
  • Zobrist, L., V. Müller, S. Hofer und C. Knöpfel (2025). Arbeit und Gesundheit im Wandel. Zürcher Wirtschaftsmonitoring, Juni 2025. Amt für Wirtschaft, Zürich.
Collaboratrice scientifique, section Politique économique, Office de l’économie, canton de Zurich
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Collaboratrice scientifique, section Politique économique, Office de l’économie, canton de Zurich
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Directeur du domaine Économie publique, Office de l’économie, canton de Zurich
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Collaboratrice scientifique, section Politique économique, Office de l’économie, canton de Zurich
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