Auf einen Blick
- Eine Studie hat den Begriff «Zuhause» bei Wohnungsangeboten für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung untersucht.
- Privatsphäre, Wahlmöglichkeiten und Autonomie sind für die Betroffenen wichtig – sowohl beim Wohnen als auch bei der Begleitung.
- Um die Wohnmodelle weiterzuentwickeln und die Selbstbestimmung zu stärken, ist ein offenes Ohr für die Anliegen der Betroffenen entscheidend.
In der Schweiz gibt es verschiedene Wohnangebote für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Im Jahr 2019 stellte eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) eine Typologie der Wohnangebote auf, die nach Lebensumständen sowie nach der Art der angebotenen Unterstützung unterscheidet (Fritschi et al., 2019). Daraus gehen vier Hauptwohnformen hervor:
- Wohnen in einer institutionellen Wohnform mit 24-Stunden-Betreuung
- Wohnen in einer institutionellen Wohnform mit geringeren Betreuungszeiten und erhöhten Anforderungen an die Selbstständigkeit
- Private Wohnung mit Assistenz, die über individuelle Leistungen finanziert wird
- Private Wohnung mit Begleitung, die sich auf einige Stunden pro Woche beschränkt
Vor diesem Hintergrund beauftragte die Walliser Stiftung für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung (Fovahm) die Hochschule und Höhere Fachschule für Soziale Arbeit des Wallis (HESTS) mit einer Studie, die sich mit dem Verständnis des Begriffs «Zuhause» bei den von ihr begleiteten, betreuten und ausgebildeten Personen sowie deren Angehörigen auseinandersetzte. Der Wohntyp «Private Wohnung mit Assistenz» ist in der Stichprobe nicht vertreten, da die Fovahm keine entsprechenden Leistungen anbietet. Aus diesem Grund wurde keine vergleichende Analyse der Resultate nach Wohnform vorgenommen.
Sich zu Hause fühlen ‒ ein mehrdimensionales Konzept
Die Definition eines «Zuhauses» lässt sich nicht auf eine Liste fixer Kriterien reduzieren. Die Literatur geht von einem mehrdimensionalen, sich wandelnden Konzept aus, das Zugehörigkeit, Kontrolle über das Umfeld, Privatsphäre, persönliche Kontinuität und Selbstbestimmung verbindet (Annison 2000).
Beim institutionellen Wohnen wird durch die blosse Bereitstellung einer Wohnung noch kein «Zuhause» geschaffen. Dazu braucht es die Möglichkeit, sich den Raum zu eigen zu machen, über seine Nutzung zu bestimmen und selektiv Gäste zu empfangen. Das wiederum setzt die Anerkennung des Rechts, den Raum nach eigenen Vorstellungen umzugestalten, einzurichten und zu beanspruchen, voraus (Maraquin 2009). Ein Gefühl der Sicherheit hat die Person nur dann, wenn sie eine Kontinuität zwischen ihrer Privatsphäre, ihren Routinen und ihrer Wohnart aufrechterhalten kann (Zielinski 2015).
Die Fovahm-Studie geht deshalb über rein materielle Aspekte hinaus und versucht zu verstehen, was «sich zu Hause fühlen» für die Betroffenen heisst. Im Zentrum stehen ihre Wünsche, Lebensweisen, Ängste und Bedenken. Die Studie untersucht, wie Betroffene ihren Alltag sowie die Unterstützungs- oder Einrichtungsformen, die diesen ermöglichen, wahrnehmen. Diese Herangehensweise entspricht dem aktuellen Wandel im Bereich Wohnformen und deckt sich mit dem UNO-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (BRK), die das Recht auf Wahl und Selbstbestimmung stärkt.
Die Studie stützt sich auf einen qualitativen Ansatz, der auf Einzel- und Gruppeninterviews basiert. Diese wurden in Zusammenarbeit mit der Stiftung Fovahm durchgeführt und durch eine Literaturrecherche ergänzt.
Untersucht wurden folgende acht Dimensionen:
- Wochenorganisation
- Wohnerfahrung
- Personalisierung
- Tägliche Aktivitäten
- Begleitung
- Soziale Beziehungen
- Zeit für sich
- Gewünschte Wohnform
Insgesamt wurden 76 begleitete Personen und 42 Angehörige befragt. Die Stichprobe entspricht 18 Prozent aller Bewohnenden der Stiftung Fovahm und bildet diese betreffend Alter, Wohndauer und Art der Unterkunft repräsentativ ab.
Begleitung ist unverzichtbar
Im ersten Teil der Interviews ging es um wöchentliche Aktivitäten, die in die Kategorien «Arbeitszeit», «organisierte Aktivitäten» und «Zeit für sich» unterteilt wurden. In Bezug auf die Arbeitszeit zeigt sich: Die meisten Befragten arbeiten gerne und schätzen die Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung. Verkürzte Arbeitszeiten sind hauptsächlich auf erhöhte Müdigkeit zurückzuführen.
Die organisierten Aktivitäten, die häufig von fachspezifischen Vereinen geleitet werden, bezeichnen die Befragten als «zufriedenstellend», wobei eher eine Diversifizierung gewünscht wird.
Die Zeit für sich schliesslich, die als Zeit der Ruhe und Entspannung wahrgenommen wird, verbringen die Befragten hauptsächlich am Wohnort. Vorrangiges Ziel bleibt das Gleichgewicht zwischen Aktivität und Erholung, wobei die Müdigkeit als Gradmesser dient.
Was den Alltag am Wohnort betrifft, möchten sich die betroffenen Personen mehrheitlich selbst um Körperpflege und Haushaltsarbeiten, aber weniger um administrative Aufgaben kümmern. Strategien zur Förderung der Autonomie (Hilfsmittel, Routinen, externe Unterstützung) erleichtern diese Aktivitäten, auch wenn manche Bereiche wie Hygiene oder Zeitmanagement anspruchsvoll bleiben.
Das Erlernen von Alltagskompetenzen im Haushalt wird als wesentlich für die eigene Unabhängigkeit angesehen – insbesondere im Hinblick auf ein selbstständigeres Wohnen oder ein Leben zu zweit. Die je nach Bedarf unterschiedlich intensive Betreuung erachten die betroffenen Personen als unerlässlich, wobei Schutz und Selbstbestimmung stets in einem Spannungsverhältnis stehen.
Nur teilweise ein «Zuhause»
Die Befragten zeigen sich mit ihrer Wohnsituation allgemein zufrieden, was sich auch aus den Antworten zum Begriff «Zuhause» schliessen lässt. Als Nachteil werden hingegen beispielsweise Lärm oder fehlende Privatsphäre empfunden. Viele sprechen eher von einer «Wohnung der Fovahm» als von «ihrer eigenen Wohnung», was darauf hindeutet, dass sie sich nur teilweise eingelebt haben. Das Zimmer dient als persönlicher Rückzugsort, während die Gemeinschaftsräume ambivalent wahrgenommen werden ‒ sie bedeuten einerseits Verbundenheit mit der Gruppe, schaffen andererseits aber auch Konflikte.
Die Personalisierung der Räume, vor allem des eigenen Zimmers, stärkt das Gefühl, sich zu Hause zu fühlen. Gewünscht werden mehr Privatsphäre und eine stärkere Differenzierung der Räume. Entscheidend für das Wohn- und Zugehörigkeitsgefühl sind letztlich auch die sozialen Beziehungen, insbesondere die Möglichkeit, Familie, Freunde sowie die Partnerin oder den Partner zu empfangen.
Wohnverhältnisse den Bedürfnissen anpassen
Den betroffenen Personen Gehör zu schenken, ihre Bedürfnisse und ihr praktisches Erfahrungswissen ernst zu nehmen, ermöglicht kohärente, bedürfnisgerechte Massnahmen. Unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Forschung wurden die wichtigsten Handlungsansätze zur Förderung von Selbstbestimmung und Inklusion beschrieben, die schrittweise umgesetzt werden sollen:
- Kurzfristig (0-6 Monate) gilt es, gemeinsam flexible, individuelle Zeitpläne festzulegen, Instrumente zur Selbstbeurteilung des Wohlbefindens einzuführen, die Begleitungsfunktionen zu klären und die Bewohnenden dabei zu unterstützen, ihre Wünsche betreffend Wohnen und Zusammenleben zu äussern.
- Mittelfristig (6‒24 Monate) wird der Fokus auf die gemeinsame Ausbildung von Fachleuten und begleiteten Personen, speziell im Bereich Selbstbestimmung, sowie auf die Schaffung digitaler und pädagogischer Hilfsmittel (Tutorials, Apps), die Aufwertung der Gemeinschaftsräume und die Entwicklung inklusiver Aktivitäten gelegt.
- Langfristig (+2 Jahre) sollen schliesslich die Konzepte «Zeit für sich» und «Selbstbestimmung» in die institutionellen Standards aufgenommen werden; dazu gehören auch die Diversifizierung der Wohnmodelle (modular, gemischt) und eine systematisch gemeinsame Gestaltung der Lebens- und Betreuungswege.
Diese Stossrichtungen müssen mit der Politik der Kantone im Einklang stehen, da die möglichen Entwicklungsspielräume von den Beschlüssen in den Bereichen Finanzen und Sozialplanung abhängen.
Nach den eigenen Vorstellungen wohnen
Die betroffenen Personen ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören bedeutet, ihnen die Anerkennung entgegenzubringen, dass nur sie selbst definieren können, was «sich zu Hause fühlen» wirklich bedeutet. Die Schilderungen zeigen, dass sich Autonomie nicht verordnen lässt, sondern sich daraus entwickelt, dass man die Wahl hat und sich nach seinen eigenen Vorstellungen einrichten und wohnen kann.
Diese Feststellung ist nicht nur rein symbolisch, sondern als Mittel für institutionellen Wandel zu verstehen. Sie bildet den Ausgangspunkt für Praktiken, die sich stärker auf die Erfahrungen und die Einzigartigkeit jeder und jedes Einzelnen abstützen.
Die Stiftung Fovahm
Die Walliser Stiftung für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung (Fovahm) besteht seit über 50 Jahren und begleitet derzeit mehr als 400 Personen. Sie bietet sozialpädagogische und sozioprofessionelle Leistungen an. Indem Autonomie, soziale Teilhabe und Wohlbefinden gestärkt werden, soll die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden. Um auf die vielfältigen Bedürfnisse, die unterschiedlichen Autonomiegrade und die Präferenzen der Personen einzugehen, führt die Stiftung 11 Lebensorte, die verschiedene Wohnformen abdecken.
Literaturverzeichnis
Annison, J. E. (2000). Towards a clearer understanding of the meaning of «home». Journal of Intellectual and Developmental Disability, 25(4), 251–262.
De Gaspari, E. ; Lemay, F.; Lequet M. (2024). Être chez soi, se sentir chez soi, tout en étant accompagné·e; Studie im Auftrag der Stiftung Fovahm.
Fritschi, T.; von Bergen, M.; Müller, F.; Bucher, N.; Ostrowski, G.; Kraus, S.; Luchsinger, L. (2019). Bestandesaufnahme des Wohnangebots für Menschen mit Behinderungen; Studie im Auftrag des BSV. Forschungsbericht Nr. 7/19.
Maraquin, C. (2009). Se sentir „chez soi“ en institution … ? VST – Vie sociale et traitements, 103, 36-39.
Vidal-Gomel, C. ; Rachedi, Y. ; Bonnemain, A. ; Gébaï, D. (2012). Relations industrielles / Industrial Relations, 67(1), 122–146.
Zielinski, A. (2015). Être chez soi, être soi: Domicile et identité. Études, juin.