Auf einen Blick
- Neben weiteren Aspekten der sozialen Herkunft haben in der Schweiz die finanziellen Mittel einer Familie einen Einfluss auf die Bildungschancen von Kindern, wie das Schwerpunktheft Bildung und Armut in der Schweiz des nationalen Armutsmonitorings zeigt.
- Die Ursachen sind vielfältig und sowohl auf der Ebene des Individuums als auch auf der Ebene der Institutionen und der Strukturen zu finden.
- Frühe Förderung, gezielte Unterstützung sozial benachteiligter Kinder und Familien sowie geeignete Rahmenbedingungen im Schulsystem bieten wirksame Ansatzpunkte zur Stärkung der Chancengerechtigkeit.
Gemäss Bundesverfassung sollen sich in der Schweiz alle Menschen nach ihren Fähigkeiten «bilden, aus- und weiterbilden» können. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass Kinder je nach Lebenslage mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen ihren Bildungsweg beschreiten. Kinder und Jugendliche aus armutsbetroffenen Familien haben oft schwierigere Voraussetzungen, um ihr Potenzial zu entfalten. Wenn Kinder aus sozial benachteiligten Familien schlechtere Bildungschancen haben, ist dies sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht eine zentrale Herausforderung.
Das nationale Armutsmonitoring betrachtet im Schwerpunktheft «Bildung und Armut in der Schweiz» Bildung im Lebensverlauf – von der Phase der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter (BSV 2025). Kinder aus sozial benachteiligten Familien starten oft schon mit geringeren Kompetenzen in den Kindergarten. Diese Kompetenzunterschiede können im Verlauf der obligatorischen Schule oft nicht reduziert werden. Auch auf der Sekundarstufe II gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungsabschluss. So erreichen beispielsweise Kinder aus Familien mit Sozialhilfebezug dreimal häufiger keinen Abschluss auf Sekundarstufe II als Kinder aus Familien, die keine Sozialhilfe beziehen. Auch der Anteil an Jugendlichen, die eine gymnasiale Maturität abschliessen, ist bei Kindern aus sozialhilfebeziehenden Familien um das Dreifache tiefer (siehe Grafik 1).
Die Gründe für die schlechteren Bildungschancen von armutsbetroffenen Kindern und Jugendlichen sind komplex. Ein wichtiger Faktor ist, dass Familien, die von Armut betroffen sind, oft unter erheblichem Druck stehen: Neben der Sicherung des Lebensunterhalts sind sie häufig mit zusätzlichen Belastungen wie gesundheitlichen Problemen, Arbeitslosigkeit oder familiären Umbrüchen konfrontiert. Solche Belastungen wirken sich direkt auf die Lebensbedingungen der Kinder aus – etwa durch beengte Wohnverhältnisse, eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten oder geringere Bildungsanregungen im Alltag.
Hinzu kommt, dass es Personengruppen gibt, die aufgrund mehrerer Eigenschaften in ihren Bildungschancen benachteiligt sind. Ein Beispiel hierfür sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, deren Familien armutsbetroffen sind. Bei diesen Kindern besteht sowohl ein Risiko aufgrund der knappen finanziellen Ressourcen als auch aufgrund allfälliger migrationsbedingter Benachteiligungen wie Sprachbarrieren, fehlenden Kenntnissen des Bildungssystems oder Diskriminierung.
Der Bildungsverlauf wird jedoch nicht nur durch die individuellen Voraussetzungen einer Person bestimmt. Auch die bestehenden Rahmenbedingungen prägen die Bildungschancen verschiedener Bevölkerungsgruppen mit. Im Sinne von möglichen Handlungsfeldern führt das Schwerpunktheft im Rahmen des Fazits verschiedene strukturelle Herausforderungen auf.
Bildung beginnt vor der Einschulung
Die Forschung zeigt: Die ersten Lebensjahre sind entscheidend. In der Phase der frühen Kindheit wird das Fundament für die gesamte weitere Bildungslaufbahn gelegt. Die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) ist in der Schweiz aber nicht als integraler Bestandteil des Bildungssystems organisiert. Während Bund und Kantone gemeinsam für die Qualität des Bildungsraums Schweiz zuständig sind, gibt es für den Bereich der frühen Kindheit keine nationale Koordination. Eine Folge davon ist, dass sich die Angebote im Bereich der frühen Kindheit je nach Kanton und Gemeinde stark unterscheiden – sowohl hinsichtlich der Verfügbarkeit als auch in Bezug auf die Qualitätsvorgaben und die Kosten für die Eltern.
Eine weitere Herausforderung ist, dass armutsbetroffene Familien die bestehenden Angebote der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung seltener nutzen als finanziell bessergestellte Familien. Gründe dafür können unter anderem die fehlende Bekanntheit, finanzielle Hürden oder kulturelle Barrieren sein. So werden beispielsweise Kinder aus einkommensschwachen Haushalten deutlich seltener im Vorschulalter in einer Kita betreut (siehe Grafik 2).
Die tiefere Nutzungsquote von Kindern aus einkommensschwachen Familien ist aus bildungspolitischer Sicht kritisch zu bewerten. Denn Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren besonders stark von Betreuungs- und Bildungsangeboten, wie Studien zeigen. Einrichtungen wie Kitas oder Spielgruppen sind nicht nur Betreuungsorte, sondern auch wichtige Bildungsorte. Entscheidend ist dabei die Qualität der Angebote. Gleichzeitig sind die familienergänzenden Betreuungseinrichtungen mit strukturellen Herausforderungen wie knappen finanziellen Mitteln, tiefen Löhnen sowie einer hohen Fluktuation beim Betreuungspersonal konfrontiert.
Hausbesuchsprogramme als gezielte Angebote für Familien in belasteten Situationen haben sich als wirksam für die Förderung der Entwicklungschancen im Vorschulalter erwiesen. Insbesondere die Stärkung der Eltern ist ein wichtiges Kernelement dieser Angebote. Sie sind jedoch bei weitem nicht flächendeckend verfügbar. Ob eine Familie Zugang dazu hat, hängt in der Schweiz vom Wohnort ab.
Schule als Chance
Der Lebens- und Lernabschnitt während der obligatorischen Schulzeit hat ein grosses Potenzial, die Chancengerechtigkeit der Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Aufgrund der allgemeinen Schulpflicht nehmen alle Kinder – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – an diesem Bildungsangebot teil. Aufgrund der «interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule» (HarmoS-Konkordat) ist zudem eine inhaltliche Harmonisierung gegeben, sodass die Schülerinnen und Schüler ähnliche Kompetenzen vermittelt bekommen. Kinder verbringen viel Zeit in der Schule und haben mit den Beratungs- und Unterstützungsangeboten sowie den schulergänzenden Betreuungs- und Freizeitangeboten einen niederschwelligen Zugang zu einer grossen Bandbreite an Angeboten.
Nichtsdestotrotz zeigen die Pisa-Studien, dass sich das Kompetenzniveau am Ende der obligatorischen Schulzeit je nach sozialer Herkunft unterscheidet. Es gelingt also nicht, bestehende Ungleichheiten im Verlauf der obligatorischen Schulzeit zu reduzieren. Ein Vergleich zwischen den Jahren 2012 und 2022 zeigt zudem, dass die Unterschiede nach sozialer Herkunft in den letzten 10 Jahren zugenommen haben.
Auf der Ebene der Ausgestaltung des Schulsystems rückt in Bezug auf die Chancengerechtigkeit die frühe Selektion auf der Sekundarstufe I in den Fokus. Auf der Sekundarstufe I werden die Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Noten sowie einer Einschätzung der Lehrperson auf unterschiedliche Anforderungsprofile aufgeteilt. Das zugeteilte Anforderungsprofil hat dabei einen massgeblichen Einfluss auf den weiteren Bildungsverlauf sowie die Kompetenzentwicklung. Weiter verdichten sich die Forschungsergebnisse, dass eine frühe Selektion einen negativen Effekt auf die Chancengerechtigkeit hat und die Zuteilung von der sozialen Herkunft der Kinder mitbeeinflusst wird.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Zusammensetzung der Klassen. Befinden sich viele Kinder mit ähnlichem sozioökonomischen Hintergrund in einer Klasse, verstärkt dies die Bildungsungleichheiten insgesamt. Ein hoher Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler kann dazu führen, dass sowohl die Leistungen als auch die Bildungsaspirationen in einer Klasse sinken. Ein Lösungsansatz liegt daher bei der stärkeren Durchmischung von Schulklassen. Dies kann sowohl durch gezielte Zuteilung innerhalb von Schulen als auch durch eine entsprechende Schulraumplanung und Stadtentwicklung erreicht werden. Einige Kantone setzen bereits auf zusätzliche Ressourcen für Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Kinder. Internationale Studien zeigen, dass solche Investitionen – insbesondere in Kombination mit qualitativ hochwertiger frühkindlicher Förderung – wirksam sein können.
Hinzu kommt, dass Unterschiede in der ausserschulischen Lernumwelt wie den Unterstützungsmöglichkeiten der Eltern, der Wohnsituation oder der Freizeitgestaltung bestehen. Neben dem formalen Bildungssystem spielt auch die nonformale Bildung eine wichtige Rolle: Freizeitaktivitäten, Vereinsleben oder kulturelle Angebote fördern soziale Kompetenzen, Selbstvertrauen und Integration. Die Sicherstellung des Zugangs aller Kinder zu diesen Angeboten ist daher ein wichtiger Schritt zur Förderung der Chancengerechtigkeit.
Eine besonders sensible Phase ist der Übergang von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II. Die Jugendlichen müssen im jungen Alter wichtige Entscheidungen treffen und Aufgaben bewältigen: die Wahl einer Ausbildung sowie die Suche nach einer Lehrstelle oder einer Bildungsinstitution. Weiter endet mit dem Austritt aus der obligatorischen Schule die allgemeine Schulpflicht. Ein unterstützendes Umfeld – also Eltern, Lehrpersonen, Coaching und Beratungsangebote – kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, damit der Übergang in die Sekundarstufe II nachhaltig gelingt.
Ansatzpunkte für mehr Chancengerechtigkeit
Die im Rahmen des Schwerpunkthefts Bildung zusammengetragenen Erkenntnisse zeigen, dass Bildungschancen durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren geprägt werden. Je nach sozialem Hintergrund haben Kinder und Jugendliche unterschiedliche Zugänge zu Förderung und Unterstützung. Weiter ist das Bildungssystem aktuell so ausgestaltet, dass Bildungsverläufe von der sozialen Herkunft mitgeprägt werden. Ein Faktor ist dabei die Selektion auf der Sekundarstufe I sowie die soziale Zusammensetzung der Schulklassen. Auf der Sekundarstufe II zeigen sich dann die erschwerten Bildungsbiografien von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus sozial benachteiligten Familien durch eine tiefere Abschlussquote.
Es bestehen auf unterschiedlichen Ebenen Ansatzpunkte, um die Chancengerechtigkeit weiter zu verbessern:
- Im Zentrum steht dabei insbesondere die frühe Kindheit. Die frühe Förderung ist besonders wirkungsvoll und das Fundament des weiteren Bildungsverlaufs. Wird der Bereich der frühen Kindheit als wichtiger Entwicklungsabschnitt gestärkt, haben alle Kinder bessere Chancen, ihr Potenzial zu entfalten.
- Weiter hat die obligatorische Schule aufgrund der Schulpflicht und der harmonisierten Bildungsinhalte ein grosses Potenzial zum Abbau sozialer Ungleichheiten. Durch eine konsequente Orientierung am Ziel der Chancengerechtigkeit bei der Weiterentwicklung der obligatorischen Schule können weitere Fortschritte erreicht werden.
- Die Übergänge von einer Bildungsstufe zur nächsten sind sensible Lebensphasen. Eine bedürfnisorientierte und unterstützende Begleitung von armutsbetroffenen Kindern und Familien ist dabei wichtig, damit die Übergänge gut gelingen.
- Schliesslich bietet die Sekundarstufe II die Möglichkeit, eine Ausbildung nach den eigenen Interessen und Fähigkeiten zu wählen. Im Unterschied zur obligatorischen Schulzeit, besteht auf der Sekundarstufe II sowohl bei der beruflichen Grundbildung als auch bei der Allgemeinbildung ein diversifiziertes Bildungsangebot. Eine Herausforderung ist, dass auch Lernende mit einer schwierigen Bildungsbiografie Möglichkeiten erhalten und bei ihrem Weg zum Abschluss unterstützt werden.
Insgesamt wird deutlich, dass es ein abgestimmtes Vorgehen entlang der gesamten Bildungskette braucht, um die Chancengerechtigkeit nachhaltig zu stärken.
Literaturverzeichnis
BSV (2025). Bildung und Armut in der Schweiz. Armutsmonitoring der Schweiz.