Auf einen Blick
- Trotz langjährigem bildungspolitischem Ziel verfehlen Bund und Kantone die angestrebte 95‑Prozent‑Quote an Abschlüssen auf Sekundarstufe II, besonders bei Jugendlichen aus einkommensarmen oder fremdsprachigen Familien.
- Bildungsbenachteiligung entsteht früh und verstärkt sich entlang zentraler Übergänge im Bildungssystem – etwa zwischen Primarschule und Oberstufe.
- Zielführend sind eine frühe Förderung, eine faire Selektion, soziale Durchmischung sowie sensibilisierte Lehrpersonen.
Viona (Name geändert) hat es geschafft. Stolz berichtet sie, dass sie nicht nur eine Lehrstelle gefunden, sondern auch die Aufnahmeprüfung in die Berufsmittelschule bestanden habe. Keine Selbstverständlichkeit. Denn die 15-Jährige lebt mit ihren Eltern und drei jüngeren Geschwistern in einer Zweizimmerwohnung. Im «Kinderzimmer» stehen zwei Kajütenbetten, die Eltern schlafen im Wohnzimmer auf dem Ausziehsofa.
Vater und Mutter stammen beide aus Südosteuropa: Er hat im damaligen Jugoslawien ein Hochschulstudium abgeschlossen und arbeitet heute in der Schweiz als Hilfsgärtner, sie als Reinigungskraft. Beide wissen um die Bedeutung einer guten Bildung.
«Du schaffst das», habe ihr aber vor allem die Lehrerin in der zweiten Sekundarklasse immer wieder gesagt, «aber du musst dich reinknien. Steh einfach jeweils um sechs Uhr auf und lerne in der Küche.» Viona hat diese Ratschläge umgesetzt. Mit der zusätzlichen Hilfe des ausserschulischen Förderprogramms «ChaGALL» für Fremdsprachige hat sie sprachlich aufgeholt und sich den Schul- und den Prüfungsstoff Schritt für Schritt über Monate erarbeitet.
Das 95-Prozent-Ziel verfehlt
Bund und Kantone verfolgen seit nunmehr 20 Jahren ein klares bildungspolitisches Ziel: Bis zum Alter von 25 Jahren sollen 95 Prozent der jungen Erwachsenen einen Erstabschluss auf der Sekundarstufe II erlangen. Derzeit liegt die Quote bei 91,8 Prozent (BFS 2025). Viona wird aller Voraussicht nach zu dieser Mehrheit gehören – obwohl ihre Chancen statistisch betrachtet relativ schlecht standen.
Insgesamt verfügen aktuell 8,2 Prozent der 25-Jährigen – über 20 000 Personen – über keinen Erstabschluss (BFS 2025). Bei bestimmten Gruppen sind die Anteile deutlich höher: Bei Jugendlichen aus Familien, die wirtschaftliche Sozialhilfe bezogen haben, verfügt knapp ein Viertel über keinen Erstabschluss. Ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt liegen die Anteile bei Jugendlichen, die eine Schule mit mehr als 52 Prozent Fremdsprachigen besuchten (15,7%), bei fremdsprachigen Jugendlichen (13,5%) und solchen aus Familien mit tiefem Erwerbseinkommen (12,7%).
Die Zahlen bestätigen, was aus der Forschung hinlänglich bekannt ist: Von Bildungsbenachteiligung betroffen sind insbesondere Kinder und Jugendliche aus finanziell schwachen Verhältnissen, solche aus Familien mit wenig Bildungsnähe, fremdsprachige Kinder und oft auch männliche Jugendliche (vgl. BSV 2025).
Besonders gravierend ist die Tatsache, dass 3 Prozent aller Jugendlichen bis zum 25. Lebensjahr gar nie in eine zertifizierende Ausbildung auf der Sekundarstufe II eintreten. Bei Jugendlichen aus Haushalten mit einem tiefen Erwerbseinkommen sind es 4,8 Prozent.
Die schulischen Übergänge: Bruchstellen statt Schnittstellen
Wo liegen im Laufe einer Schullaufbahn die grössten Hürden? Die Forschung ist sich einig: Besonders bedeutsam sind die Übergänge.
Der erste, grosse Schritt ins Schulsystem erfolgt mit dem Eintritt in den Kindergarten. Kinder aus sozial schwachen Familien treten häufig mit einem kleinen Rucksack an. Ihre familiäre Umgebung war oft arm – auch an Anregungen und scheinbar selbstverständlichen «Lerngelegenheiten». Gemeinsam spielen, Bilderbücher betrachten, basteln, beim Kochen mithelfen, Erwachsenengesprächen beim Abendessen zuhören, anregende Ausflüge und Horizont erweiternde Ferien – all dies fehlt oft. Kommen dann noch mangelnde Sprachkenntnisse und eine grosse kulturelle Kluft dazu, ist der Anschluss an das, was das Bildungssystem vom ersten Kindergartentag anbietet und fordert, von Anfang an verpasst.
Natürlich: Gezielte frühkindliche Bildung wirkt. Das zeigen Studien und beweisen Programme wie a:primo oder Zeppelin. Sie sind aber alles andere als flächendeckend eingeführt und damit ein Tropfen auf einen heissen Stein. Auch Ansätze wie das frühe Screening von Kenntnissen der Bildungssprache mit entsprechender Förderung vor dem Eintritt in den Kindergarten sind erfolgversprechend und ebenso wichtig wie koordinierte Konzepte zur Armutsbekämpfung, beispielsweise bei Einelternfamilien.
Leistung muss zählen – nicht Herkunft
Trotz aller Herkunftsunterschiede bei den Kindern ist die Schule verpflichtet, jedem Kind die bestmöglichen Bildungswege zu eröffnen. Fakt ist aber, dass sich die Leistungsschere im Laufe der Schulzeit nicht verringert, sondern vergrössert (von Dach 2026). Besonders offensichtlich wird das in der Sekundarstufe I: Wer in einem anspruchsvollen Niveau eingeteilt ist, hat einen grossen Lernzuwachs; wer im tiefen Niveau sitzt, einen sehr bescheidenen (Angelone 2019).
Folgenreich ist dies, weil die Einteilung am fast schicksalshaften Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe stark von der Herkunft und weniger von der effektiven Leistung bestimmt wird. Denn unabhängige Leistungsmessungen zeigen vielmehr, dass es grosse Leistungsüberschneidungen zwischen verschiedenen Schultypen der Sekundarstufe I gibt (Gomensoro und Meyer 2021). So überschneiden sich beispielsweise die Mathematikleistungen bei 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler des niedrigsten und des höchsten Leistungsniveaus («Grundanforderungen» und «hohe Anforderungen» (siehe Grafik).
Eine in Leistungsniveaus gegliederte Sekundarstufe I bringt es mit sich, dass eine frühe Selektion erfolgt. Diese ist wegweisend für die persönliche Schul- und Berufslaufbahn. Zahlen des Bundesamts für Statistik weisen nach, dass nur 2 Prozent derjenigen, die in einer Klasse des Grundniveaus landen, später noch eine allgemeinbildende Ausbildung (Gymnasium, Fachmittelschule) in Angriff nehmen (BFS 2016).
Fazit: Die «Einspurung» der Kinder nach der sechsten Klasse ist äusserst folgenreich, aber sie erfolgt nicht nur nach meritokratischen Prinzipien – was dann zu Schlagzeilen wie «Herkunft zensiert» führt. Selbst aus entwicklungspsychologischer Sicht kommt der Selektionszeitpunkt zu früh – zu viele Kinder bräuchten mehr Zeit, bis ihnen auch schulisch «der Knopf aufgeht».
Der nächste wichtige Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II ist insbesondere von der Frage der Berufswahl geprägt. Dass auch diese oft nicht gelingt, zeigen die Lehrabbruchszahlen im ersten Lehrjahr, die je nach Kanton zwischen 20 und 30 Prozent liegen (BFS 2026). Die erfreuliche Botschaft: Knapp 80 Prozent der Betroffenen schliessen in einem zweiten Anlauf dann doch eine Lehre ab (EFZ oder EBA).
Auf allen Ebenen ansetzen
Um die Bildungsbenachteiligung der genannten sozialen Gruppen zu reduzieren, sind Massnahmen auf den verschiedensten Ebenen nötig: Neben der (frühkindlichen) Förderung sind gesamtgesellschaftliche Initiativen wie die Armutsbekämpfung oder eine kluge Raumplanung (Vermeidung von sozial segregierten Quartieren) ebenso nötig wie die Bereitstellung von Bildungsangeboten in allen Regionen (beispielsweise Berufsmaturitätsschulen). Hilfreich wären auch strukturelle Anpassungen – etwa die Verschiebung des Selektionszeitpunktes von der sechsten Klasse auf die neunte Klasse. Und selbstverständlich muss und kann die Volksschule mit einer entsprechenden Praxis in allen elf Schuljahren täglich daran arbeiten, das Potenzial jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin zu orten und zu fördern. Entscheidende Bedeutung kommt dabei den einzelnen Schuleinheiten und den Lehrpersonen zu.
Eine Hilfestellung für Schulen bietet hier ein Orientierungsrahmen des in der Deutschschweiz tätigen Vereins «Allianz Chance+» (siehe Kasten). Im Folgenden werden diese Handlungsansätze kurz skizziert.
Allianz Chance+
Der gemeinnützige Verein Allianz Chance+ setzt sich für eine signifikant verbesserte Chancengerechtigkeit im Jugendalter ein. Er verfolgt die Vision einer Schweiz, in welcher der individuelle Bildungserfolg durch die erbrachte Leistung und nicht durch die soziale Herkunft bestimmt wird. Im Fokus stehen die schulischen Übergänge, aber auch der schulische Alltag.
Die Allianz Chance+ nutzt Erkenntnisse aus der Forschung sowie das vorhandene Praxiswissen aus mittlerweile 17 Förderprogrammen. Als erstes Förderprogramm wurde «ChagALL» 2008 im Kanton Zürich gegründet. Darauf folgten weitere Programme in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt, Luzern und St. Gallen. Grundlagen- und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Bildungsgerechtigkeit ergänzen die Aktivitäten des Vereins, der grossenteils von Stiftungen finanziert ist.
Was können Schulen tun?
Schulen handeln in einem Kontext. Dieser ist ihnen zum Teil gesetzlich vorgegeben, lässt aber immer auch Spielraum. So können beispielsweise auch Schulen der Sekundarstufe I je nach kantonalen Vorgaben niveau- und altersdurchmischt unterrichten. Es gibt mittlerweile viele Schulen, die zeigen, dass solche gemischten Formen umsetzbar sind. Ein Beispiel sind die Mosaik-Sekundarschulen, die es mittlerweile in den Kantonen Bern, Graubünden, Luzern, Thurgau und Zürich gibt. Die Forschung kommt zum Schluss, dass solche Unterrichtsorganisationsformen Herkunftsunterschiede verkleinern (Felouzis und Charmillot 2017).
Auf allen Schulstufen sind zudem Massnahmen zur sozialen Durchmischung der Schuleinheiten und Klassen zu treffen. So könnten in vielen Gemeinden fremdsprachige Schülerinnen und Schüler so verteilt werden, dass niemanden daraus Nachteile für den Abschluss auf Sekundarstufe II erwachsen. Schliesslich fällt unter die kontextuellen Rahmenbedingungen, die eine Schule selbst gestalten kann, auch die bewusste Pflege einer Schulkultur der Förderung, des Respekts und der Vielfalt. Schule muss ein «safe place» für alle sein – weil Angst und psychischer Stress Lernen verhindern.
Vom Handlungskontext der Schulen zu unterscheiden sind die Handlungsformen: Was Schulen als organisatorische Einheiten, aber insbesondere auch Lehrpersonen tun oder unterlassen, prägt wesentlich den Lernerfolg und damit die Bildungs- und Berufsbiografien. Zu fördern sind im Wesentlichen Aspekte wie:
- Vielfältiger Unterricht und Sprachförderung in allen (!) Fächern
- Regelmässiges lernförderliches Feedback
- Unterstützungs- und Förderangebote (Zugang zu zusätzlicher Sprachförderung und zu Mentoring-Angeboten, Schulsozialarbeit etc.)
- Sensible und vielfältige Beurteilungs- und Selektionspraxis (Bewusstsein für Biases, Zusammenarbeit zwischen den Schulstufen)
- Zusammenarbeit mit Eltern und ausserschulischen Akteuren
Die Basis für erfolgreiches Lernen bilden somit passende Lernangebote – sie sind aber wenig wert, wenn die Lehrenden nicht eine positive Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern pflegen, wenn sie nicht bewusst hohe Erwartungen haben und davon ausgehen, dass in jedem Kind Fähigkeiten stecken, die es mit der entsprechenden Unterstützung entwickeln kann. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von «growth mind set». Zu fordern ist also, dass alle pädagogischen Akteure zu jeder Zeit den Kindern und Jugendlichen gleichsam mit «Potenzialverdacht» begegnen. Sätze wie «das kannst du nicht» werden dann durch die Aussage «das kannst du noch nicht» ersetzt.
Einsatzbereitschaft und Unterstützung
Viona hatte einerseits sicher Glück. Ihre Eltern waren zwar fremdsprachig und nicht mit viel sozialem und finanziellem Kapital ausgestattet, aber sie wussten um die Bedeutung der Bildung und deren Chancen. Zusammen mit einer Lehrerin, die Vionas Potenzial erkannte und ihr viel zutraute, sowie der Möglichkeit, ein wirksames Förderprogramm zu besuchen, erfuhr sie in wichtigen Bereichen Unterstützung. Diese allein hätte jedoch nicht genügt: Viona legte den Willen an den Tag, konsequent zu lernen und dranzubleiben. Sie überwand Motivationslöcher und entwickelte eine hohe Selbstwirksamkeit. Ohne diesen «grit», ohne Fleiss und Einsatz hätte ihr Einstieg in die Sekundarstufe II mit grosser Wahrscheinlichkeit anders ausgesehen.
Dies führt eine Metaanalyse der Pisa-Resultate 2015 bis 2022 drastisch vor Augen: Die Leistungen der Jugendlichen aus «gutem Hause» bleiben über die Pisa-Jahre praktisch konstant. Diejenigen von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien sind nicht nur signifikant tiefer, sie haben sich über die Jahre massiv verschlechtert (Delavy et. al. 2024).
Somit zeigt sich: Die Schule ist gefordert. Die Jugendlichen selbst aber auch, wenn sie einst die Sekundarstufe II mit einem Zertifikat abschliessen wollen.
Literaturverzeichnis
Angelone, Domenico (2019). Schereneffekte auf der Sekundarstufe I? Zum Einfluss des Schultyps auf den Leistungszuwachs in Deutsch und Mathematik. Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 2019(41): 446–466.
BFS (2016). Der Übergang am Ende der obligatorischen Schule. Längsschnittanalysen im Bildungsbereich. Ausgabe 2016.
BFS (2025). Erwerb eines Abschlusses der Sekundarstufe II nach dem sozioökonomischen Hintergrund der Jugendlichen.
BFS (2026). Lehrauftragsauflösungen, Wiedereinstiege. Zertifikationsstatus. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/uebertritte-verlaeufe-bildungsbereich/sekundarstufe-II/aufloesungen.html. Zugriff am 8.5.2026
BSV (2025). Bildung und Armut in der Schweiz.
Delavy, François Pierre et al. (2024). Soziale Herkunft und Lesekompetenzen – aktuelle Trends. ICER Research Briefs #01, Universität Bern.
Felouzis, Georges; Charmillot, Samuel (2017). Schulische Ungleichheit in der Schweiz. Social Change in Switzerland.
Gomensoro, Andres; Meyer, Thomas (2021). Ergebnisse zu TREE2: Die ersten zwei Jahre. Universität Bern.
Von Dach, Andrea (2026). Soziale Herkunft prägt Bildungschancen. Soziale Sicherheit CHSS. 28. April.