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Unfreiwillig in Teilzeit

Tausende Menschen in der Schweiz arbeiten unfreiwillig Teilzeit – oft, weil ihnen grössere Pensen verwehrt bleiben. Für die Betroffenen bedeutet dies nicht nur finanzielle Unsicherheit, sondern auch eine zunehmende psychische Belastung.
Karin Schwiter, Reta Barfuss
  |  30. März 2026
    Forschung und Statistik
  • Arbeit
  • Berufliche Vorsorge
Unterbeschäftigung ist unter anderem in der Gebäudereinigung verbreitet, wie ein Forschungsprojekt der Universität Zürich zeigt. (Alamy)

Auf einen Blick

  • Rund 220 000 Erwerbstätige in der Schweiz arbeiten unfreiwillig Teilzeit; besonders betroffen sind Frauen und migrantische Personen, die in Branchen wie der Reinigung, dem Gastgewerbe und den persönlichen Dienstleistungen arbeiten.
  • Regulatorische Fehlanreize – etwa die Pensionskasseneintrittsschwelle oder die Zulässigkeit von Verträgen mit minimal garantierten Stunden – machen es für Arbeitgebende vorteilhaft, Angestellte in sehr kleinen Pensen zu beschäftigen.
  • Unterbeschäftigung belastet die Betroffenen finanziell und gesundheitlich und lässt zugleich ein beträchtliches Arbeitskräftepotenzial ungenutzt.

Die Schweiz ist ein Teilzeitland: Fast 40 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten nicht Vollzeit – sei es, um Kinder zu betreuen, Angehörige zu pflegen oder sich weiterzubilden (Perrenoud 2025). Doch nicht alle Teilzeitbeschäftigten haben ihr Pensum selbst gewählt. Darunter auch Maria (Name geändert), eine von vielen Reinigerinnen in der Schweiz, die nicht auf genug Stunden kommt, um einen existenzsichernden Lohn zu erreichen: «Manchmal arbeite ich vier Stunden, manchmal drei, aber eigentlich wurde ich vor mehr als einem Jahr für eine Stunde und 45 Minuten angestellt», beschreibt sie in einem Interview für unser Forschungsprojekt zu Unterbeschäftigung in der Gebäudereinigungsbranche in Zürich ihr tiefes Tagespensum.

Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) arbeiten in der Schweiz rund 220 000 Personen unfreiwillig Teilzeit (Hümbelin und Strazzeri 2025: 60). Das «Barometer Gute Arbeit», für das die Berner Fachhochschule jährlich im Auftrag des Gewerkschaftsdachverbandes Travail Suisse 1500 Erwerbstätige befragt, kommt zum Schluss, dass jede siebte Arbeitskraft gerne mehr Stunden arbeiten möchte – jedoch keine entsprechende Stelle findet (Fischer 2023: 16). Der grösste Anteil davon sind Frauen.

Unterbeschäftigung nimmt zu

In den öffentlichen Debatten um Teilzeitarbeit bleiben die sogenannten Unterbeschäftigten oft unsichtbar. Dabei ist ihre Zahl in den letzten 15 Jahren gestiegen (Hümbelin und Strazzeri 2025: 19). Unterbeschäftigung nimmt nicht nur in der Schweiz zu. Seit der Finanzkrise von 2008 zeigen grosse Teile Europas und die USA erhöhte Unterbeschäftigtenzahlen (Bell und Blanchflower 2021).

Unterbeschäftigung findet sich in vielen Branchen. Besonders verbreitet ist sie nicht nur in der Gebäudereinigung, sondern auch im Gastgewerbe sowie bei den persönlichen Dienstleistungen und bei den Reinigungs- und Betreuungsarbeiten in Privathaushalten (Marti und Walker 2010).

Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend. Studien zeigen übereinstimmend, dass Unterbeschäftigung die psychische Gesundheit belastet. Sie führt zu geringerem Wohlbefinden und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Stress, Ängsten und Depressionen (Allan et al. 2022). Dies bestätigt auch Valeria (Name geändert), die seit Jahren in der Reinigungsbranche arbeitet und ebenfalls an unserem Forschungsprojekt teilgenommen hat: «Viele Leute leiden an Depressionen, viele Leute leiden unter Angstzuständen.» Darüber hinaus sind Unterbeschäftigte im Vergleich zu anderen Teilzeitarbeitenden einem höheren Risiko ausgesetzt, trotz Erwerbsarbeit von Armut betroffen zu sein (Horemans et al. 2016).

Ungenutztes Arbeitspotenzial

Die Zunahme von Unterbeschäftigung erscheint paradox, da in vielen Branchen ein Fachkräftemangel herrscht und eigentlich mehr Arbeitskräfte gebraucht würden: Mit den grossen Jahrgängen der Babyboomer, die derzeit den Ruhestand erreichen, wächst der Anteil der Pensionierten stärker als die Zahl der Erwerbstätigen. Auch deshalb stellt sich die Frage mit neuer Dringlichkeit, wie das brachliegende Arbeitspotenzial der Unterbeschäftigten besser genutzt werden kann.

In unserem Forschungsprojekt fokussieren wir auf Unterbeschäftigung in der Gebäudereinigungsbranche. Basierend auf Interviews mit Beschäftigten, Arbeitgebenden, Gewerkschaften und weiteren Fachpersonen konnten wir eine Reihe von Mechanismen identifizieren, die dazu beitragen, dass tiefe Pensen Lohneinsparungen ermöglichen. Gerade in einer Branche wie der Gebäudereinigung, in der Lohnkosten den höchsten Kostenfaktor darstellen, schafft dies für Arbeitgebende problematische Anreize, die Pensen ihrer Angestellten tiefzuhalten.

Fehlanreiz Pensionskasse

Einer der stärksten Fehlanreize stellt die Pensionskasseneintrittsschwelle dar, die bei 22 680 Franken Bruttolohn pro Jahr liegt. Nur wenn der Jahreslohn der Beschäftigten bei einem Arbeitgeber diesen Wert übersteigt, muss dieser Beiträge an die berufliche Vorsorge leisten. Diese Beiträge betragen je nach Alter der Beschäftigten zwischen 7 und 18 Prozent des koordinierten Lohns. Bleibt der Bruttolohn unter der Schwelle, fallen für die Arbeitgebenden keine Pensionskassenbeiträge an, womit ihre Lohnkosten massgeblich tiefer liegen. Reinigungsunternehmen räumen denn auch offen ein, dass sie es mitunter aus diesem Grund vorziehen, viele Angestellte in Kleinpensen zu beschäftigen, als wenige mit grösseren Erwerbsumfängen.

Diese Eintrittsschwelle wird in der politischen Debatte schon seit Langem kritisiert. Nicht zuletzt führt sie zu erheblichen Lücken in der Altersvorsorge. Besonders betroffen sind Personen mit mehreren Kleinpensen, überdurchschnittlich oft Frauen und migrantische Personen, deren Einkommen unter der Eintrittsschwelle bleibt. Die letzte geplante Revision der beruflichen Vorsorge, die Änderungen an Eintrittsschwelle und Koordinationsabzug vorgesehen hätte, ist im September 2024 an der Urne gescheitert (BSV 2024). Doch die Frage nach einer Lösung der Eintrittsschwellenproblematik hat nicht an Dringlichkeit verloren: Derzeit sind mehrere entsprechende Vorstösse im Parlament hängig, die mitunter auch diesen Fehlanreiz zur Unterbeschäftigung eliminieren könnten (Motionen 24.4047 und 24.4125 sowie Postulate 23.4168 und 24.4233).

Problematische Ein-Stunden-Verträge

Neben der Eintrittsschwelle bildet auch die Möglichkeit von Ein-Stunden-Verträgen einen zentralen Fehlanreiz. Diese sind in der Reinigungsbranche stark verbreitet. Viele Arbeitsverträge weisen sehr tiefe Stundenzahlen aus – beispielsweise «mindestens eine Stunde pro Woche». Zwar arbeiten die Beschäftigten in der Praxis oft mehr, doch diese Mehrstunden sind nicht garantiert.

Diese verbreitete Praxis tiefer vertraglich vereinbarter Wochenarbeitsstunden erlaubt es Arbeitgebenden, einen Teil ihres unternehmerischen Risikos auf die Beschäftigten abzuwälzen: Sie können Personal flexibel einsetzen und Ausfälle leichter ersetzen, während sich die Arbeitnehmenden für mögliche Arbeitseinsätze bereithalten, ohne zu wissen, wie viele Stunden sie in der folgenden Woche tatsächlich arbeiten können. Sind es weniger als gewünscht, bleiben ihnen kaum Möglichkeiten, kurzfristig zusätzliche Arbeit zu finden. In der Folge bleiben sie unterbeschäftigt.

Zwar sind Verträge mit minimal garantierten Stunden nach Schweizer Recht zulässig. Nicht zulässig ist es jedoch, das unternehmerische Risiko schwankender Auftragslagen und von Ausfällen auf die Belegschaft abzuwälzen. Auch hier sind regulatorische Lösungen gefragt, um dieser verbreiteten, aber problematischen Praxis entgegenzuwirken.

Zweit- und Drittjob als Strategie

Um die Folgen der Fehlanreize abzufedern, entwickeln Beschäftigte ihre eigenen Strategien. Häufig nehmen sie Zweit- und Drittjobs an, um ihre prekäre Situation zu verbessern. Beschäftigte in der Reinigungsbranche ergänzen fehlende Stunden im Hotel- oder Büroreinigungsjob beispielsweise mit der Reinigung von Privathaushalten.

Unsere Forschung zeigt jedoch, dass dieses Jonglieren multipler Jobs äusserst anspruchsvoll und belastend ist. Einsatzorte und Einsatzzeiten müssen laufend miteinander abgeglichen werden. Koordinationsprobleme und Planungsunsicherheit führen zu Stress. Zudem fallen lange Transfers zwischen den Einsätzen an, die oft unbezahlt bleiben. Die Folge sind überlange Arbeitstage, in denen trotz der Kombination multipler Jobs kaum je ein Vollzeitpensum entsteht.

Fehlanreize eliminieren

Aus unserer Untersuchung der Gebäudereinigungsbranche schliessen wir, dass Unterbeschäftigung oft eine Folge von spezifischen regulatorischen Fehlanreizen ist. Diese gilt es zu korrigieren, wenn die Folgen für die Betroffenen ernst genommen und das Arbeitskräftepotenzial der Unterbeschäftigten besser nutzbar gemacht werden sollen. Gleichzeitig zeigt sich, dass der Druck auf die Unternehmen, ihre Dienstleistungen zu möglichst tiefen Preisen anzubieten, auf ein zentrales strukturelles Phänomen hinweist: Reinigung soll möglichst unsichtbar und günstig sein. Und damit kommt jede Möglichkeit gelegen, die Lohnkosten zu senken, sei es durch kleine Pensen, kurzfristige Einsätze oder minimal garantierte Stunden.

Hinzu kommen weitere strukturelle Faktoren, die es Beschäftigten erschweren, ihr gewünschtes Erwerbspensum zu erreichen. Dazu gehören fehlende, zeitlich unpassende oder zu kostspielige Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder für pflegebedürftige Erwachsene. Auch hier ist das Parlament gerade daran, zentrale Weichen für die Zukunft zu stellen. Im besten Falle ermöglichen diese Weichenstellungen, dass Unterbeschäftigte ihr Pensum ihren Bedürfnissen anpassen können.

Literaturverzeichnis

Allan, Blake; Kim, Taewon; Shein, Brenda (2022). Underemployment and mental health: A longitudinal study. Journal of Counseling Psychology 69(5): 578–588.

Bell, David N. F.; Blanchflower, David G. (2021). Underemployment in the United States and Europe. ILR Review 74(1): 56–94

BSV (2024). Was bedeutet die BVG-Reform für Teilzeitarbeitende?

Fischer, Gabriel (2023). Barometer Gute Arbeit. Ausgewählte Ergebnisse der Befragungswelle 2023. Bern: Travail.Suisse.

Horemans, Jeroen; Marx, Ive; Nolan, Brian (2016). Hanging in, but only just: part-time employment and in-work poverty throughout the crisis. IZA Journal of European Labor Studies 5(1): 1–19.

Hümbelin, Oliver; Strazzeri, Maurizio (2025). Atypisch-prekäre Beschäftigung und lose Anbindung an den Arbeitsmarkt. Bern: Berner Fachhochschule.

Marti, Michael; Walker, Philipp (2010). Die Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz. Die Volkswirtschaft, 1. Oktober.  

Perrenoud, Silvia (2025). Teilzeitarbeit nimmt weiter zu – mit grossen Unterschieden. Soziale Sicherheit CHSS, 8. Dezember

Assistenzprofessorin für Arbeitsgeographie an der Universität Zürich
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Doktorandin in der Forschungsgruppe Arbeitsgeographie an der Universität Zürich
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