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Familienpolitik: Gezielte Massnahmen statt Giesskanne

Wirksame Familienpolitik setzt dort an, wo der Bedarf am grössten ist: bei benachteiligten Kindern, der Verringerung von Armut und der Verbesserung von Arbeitsanreizen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern, die die Wirkung von Elternzeit, subventionierter Kinderbetreuung und finanzieller Unterstützung untersucht hat.
Melanie Häner-Müller, Nina Kalbermatter
  |  12. Mai 2026
    Forschung und Statistik
  • Familie
  • Jugend
  • Kinder
Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren am stärksten von Kita-Angeboten. (Keystone)

Auf einen Blick

  • Eine Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern hat die Wirkung von Elternzeit, subventionierter Kinderbetreuung und finanzieller Unterstützung untersucht.
  • Wirksam sind familienpolitische Massnahmen dort, wo Handlungsbedarf besteht – bei der Förderung benachteiligter Kinder, bei der Verringerung von Armut und bei der Verbesserung von Arbeitsanreizen.
  • Familienpolitik hängt von gesellschaftlichen Normen ab.

Die Familienpolitik steht regelmässig im Zentrum politischer Forderungen: Elternzeit, Kita-Förderung oder höhere Familienzulagen sollen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern oder die finanzielle Situation von Familien stärken. Doch welche Instrumente wirken tatsächlich – und wo liegen Zielkonflikte?

In einer Studie haben wir die wichtigsten familienpolitischen Instrumente nach wissenschaftlicher Evidenz eingeordnet (Häner-Müller et al. 2026). Ausgehend von den neusten nationalen und internationalen Daten und Studien untersuchten wir, wie es um die Familien in der Schweiz bestellt ist und welche Massnahmen sich wie auswirken.

Gute Ausgangslage

In einem ersten Schritt lohnt sich der Blick auf die aktuelle Situation der Familien in der Schweiz. Die Mehrheit der Schweizer Familien befindet sich in einer stabilen finanziellen Situation. So liegt die Armutsquote bei Haushalten mit Kindern bei 6 Prozent – das entspricht etwa der Hälfte des EU-Durchschnitts und zählt zu den niedrigsten Werten in Europa (siehe Grafik 1).

Auch die subjektive Zufriedenheit der Eltern ist im internationalen Vergleich hoch: Lediglich 2,9 Prozent berichteten 2022 von grossen finanziellen Schwierigkeiten (ISSP 2025). Zudem sind die sozialen Aufstiegschancen intakt: Der Einfluss der familiären Herkunft auf das spätere Einkommen liegt seit rund 40 Jahren stabil bei etwa 17 Prozent – im internationalen Vergleich ebenfalls ein niedriger Wert (Bühler et al. 2025).

Gleichzeitig wendet die Schweiz für die Familienpolitik vergleichsweise wenig Mittel auf: Seit rund 30 Jahren bewegen sich die Ausgaben für Familienpolitik stabil zwischen 1 und 2 Prozent der öffentlichen Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden, während viele Nachbarländer 3 bis 5 Prozent in diesen Bereich investieren (siehe Grafik 2).

Diese Kombination aus guter Ausgangslage und moderaten Ausgaben wirft eine grundlegende Frage auf: Braucht es grundsätzlich mehr staatliches Engagement – oder vor allem ein gezielteres? Staatliche Eingriffe im Bereich der Familienpolitik sind aus ökonomischer Perspektive unter anderem dann sinnvoll, wenn sie nachweislich dazu beitragen, dass Eltern mehr arbeiten können, Kinder bessere Chancen erhalten oder die Familienarmut sinkt. Dabei muss jedoch stets abgewogen werden, in welchem Mass der Staat eingreift – damit Kinder und Eltern nicht allein nach wirtschaftlichen Kriterien bewertet werden.

Vor diesem Hintergrund haben wir in unserer Studie drei zentrale familienpolitische Instrumente  – Elternzeit, subventionierte Kinderbetreuung sowie Familienzulagen und Steuerabzüge – systematisch darauf untersucht, wie wirksam sie sind und ob sie ihre Ziele erreichen.

Elternzeit: begrenzter Nutzen, hohe Kosten

In Bezug auf die Elternzeit zeichnet die internationale Forschung ein klares Bild: Kurze, bezahlte Elternzeiten erleichtern Müttern den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt und stärken ihre Erwerbsbeteiligung. Werden die Auszeiten jedoch länger, kehrt sich dieser Effekt um. Bereits ab etwa vier bis sieben Monaten zeigen sich negative Auswirkungen auf die Erwerbsintegration (Bates et al. 2023; Müller und Ramsden 2017; Olivetti und Petrongolo 2017).

Bei Vätern liegt der Mehrwert woanders: Der Vaterschaftsurlaub erhöht die Beteiligung an der Kinderbetreuung, hat jedoch kaum Auswirkungen auf die Erwerbsbeteiligung oder das Einkommen (Boll et al. 2014; Tamm 2019). Viele Länder setzen auf sogenannte Väterquoten («Daddy Months»), also auf reservierte Elternzeitanteile für Väter. Diese erhöhen die Inanspruchnahme deutlich und tragen zu einer gleichmässigeren Aufteilung von Erwerbs- und Betreuungsarbeit innerhalb der Familie bei – nachhaltige Effekte auf Beschäftigung oder Einkommen lassen sich jedoch nicht nachweisen (Ekberg et al. 2013; Eckhoff Andresen und Nix 2025).

Mit 14 Wochen Mutterschafts- und 2 Wochen Vaterschaftsurlaub befindet sich die Schweiz im Bereich, in dem die Massnahmen ihre Wirkung entfalten. Eine Ausweitung wäre hingegen mit erheblichen Kosten verbunden, ohne substanzielle zusätzliche Effekte zu erzielen. Eine Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs auf 18 Wochen, wie sie die Familienzeitinitiative fordert, hätte 2023 Mehrkosten von rund 258 Millionen Franken verursacht; eine Ausweitung des Vaterschaftsurlaubs auf 18 Wochen hätte die Ausgaben gar um 1,25 Milliarden Franken – also um rund 800 Prozent – erhöht.

Subventionierte Kinderbetreuung: wirksam, aber nicht für alle gleich

Subventionierte Kinderbetreuung kann die Erwerbstätigkeit von Müttern erhöhen, allerdings fällt der Effekt in der Regel nur moderat aus. Die tatsächliche Wirkung hängt stark vom jeweiligen Kontext ab – etwa vom Ausgangsniveau der Erwerbsbeteiligung, den anfallenden Betreuungskosten und der Qualität der verfügbaren Angebote (Havnes und Mogstad 2011; Morrissey 2017).

Besonders ausgeprägt sind die Wirkungen bei Familien mit tiefem sozioökonomischem Status: Deren Kinder profitieren nachweislich am stärksten von qualitativ hochwertiger frühkindlicher Betreuung (Havnes und Mogstad 2015). Zudem zeigen sich bei der Arbeitsmarktbeteiligung der Mütter in diesen Familien überdurchschnittlich positive Effekte (Hermes et al. 2025).

In der Praxis zeigt sich jedoch ein Problem: Kita-Angebote werden überproportional von Haushalten mit mittleren und höheren Einkommen genutzt. Breite, undifferenzierte Subventionen können daher zu sogenannten Mitnahmeeffekten führen – und im schlimmsten Fall sogar zu einer Umverteilung von einkommensschwachen zu einkommensstarken Haushalten beitragen (Glomm und Meier 2020; Ho und Pavoni 2020).

Die wissenschaftliche Evidenz spricht deshalb für einkommensabhängige und dezentral organisierte Modelle. Sie wirken zielgerichteter, berücksichtigen regionale Unterschiede besser und vermeiden, dass staatliche Mittel dort ankommen, wo sie am wenigsten gebraucht werden.

Finanzielle Unterstützung: Zielgenauigkeit entscheidend

Familienzulagen leisten einen wichtigen Beitrag zur Einkommenssicherung – insbesondere für Haushalte mit niedrigem Einkommen (Aizer et al. 2016). Gleichzeitig zeigt die empirische Forschung, dass direkte Geldleistungen die Anreize zur Erwerbstätigkeit verringern können (Gromadzki 2024). Steuerliche Abzüge für Betreuungskosten hingegen wirken in eine andere Richtung: Sie stärken gezielt die Erwerbsbeteiligung und unterstützen beispielsweise Zweitverdienende beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt (Christl et al. 2022).

Da die Schweiz bereits vergleichsweise stark auf solche Instrumente setzt, ist eine pauschale Ausweitung der Familienzulagen empirisch nur begrenzt zu rechtfertigen. Sinnvoller wären gezielte Entlastungen für besonders belastete Gruppen – etwa für Alleinerziehende oder Familien mit besonders hohen Betreuungskosten.

Gezielte Wirkung statt flächendeckender Ausbau

Die Gesamtschau der Evidenz spricht für eine differenzierte Familienpolitik. Wirksam sind gezielte Massnahmen dort, wo echter Handlungsbedarf besteht – bei der Förderung benachteiligter Kinder, bei der Verringerung von Armut und bei der Verbesserung von Arbeitsanreizen.

Dabei ist eine Erkenntnis besonders bemerkenswert: Familienpolitische Instrumente können nicht alle gesellschaftlichen Entwicklungen steuern. Die Mehrheit der jungen Personen wünscht sich ein partnerschaftliches Erwerbsmodell – gleichzeitig lebt nur eine kleine Minderheit der Familien ein solches Modell. Das liegt nicht zuletzt daran, dass neben staatlichen Rahmenbedingungen auch kulturelle Normen, betriebliche Strukturen und steuerliche Anreize das Verhalten von Familien prägen (Goldin 2021; Olivetti und Petrongolo 2017). Familienpolitik kann hier unterstützen, stösst aber auch an klare Grenzen.

Um eine zukunftsfähige Familienpolitik zu beurteilen, sind klare Zieldefinitionen und die systematische Berücksichtigung empirischer Evidenz zentral: Eine solche Politik stärkt die Arbeitsmarktpartizipation der Eltern, verbessert die Chancen von Kindern und reduziert gezielt Armut – ohne dabei die Wahlfreiheit der Familien einzuschränken oder ineffizient zu sein.

Literaturverzeichnis

Aizer, Anna; Eli, Shari; Ferrie, Joseph; Lleras-Muney, Adriana (2016). The long-run impact of cash transfers to poor families American Economic Review, 106(4), 935–971.

Bates, Lillian; Hall, Oliver; Jakiela, Pamela. (2023). Understanding the impacts of paid maternity leave on women’s labor market outcomes IZA Discussion Paper No. 16565.

Boll, Christina; Leppin, Julian; Reich, Nora (2014). Paternal childcare and parental leave policies: Evidence from industrialized countries Review of Economics of the Household, 12(1), 129–158.

Bühler, Jonas; Häner-Müller, Melanie; Schaltegger, Christoph A. (2025). Intergenerational Mobility in Times of Rising Global Inequality: USA vs. Switzerland. IWP Working Papers No. 6.

Christl, Michael; De Poli, Silvia; Varga, Janos (2022). Reducing the income tax burden for households with children: an assessment of the child tax credit reform in Austria Fiscal Studies, 43(2), 151–177.

Eckhoff Andresen, Martin; Nix, Emily (2025). You Cannot Force Me Into Caregiving: Paternity Leave and the Child Penalty Economic Journal, 136(674), 780–797.

Ekberg, John; Eriksson, Rickard; Friebel, Guido (2013). Parental leave—A policy evaluation of the Swedish “Daddy-Month” reform Journal of Public Economics, 97, 131–143.

Glomm, Gerhard; Meier, Volker (2020). Efficient child care subsidies: any need for cash for care? Review of Economics of the Household, 18(3), 773–793.

Goldin, Claudia (2021). Career and Family: Women’s Century-Long Journey toward Equity. Princeton: Princeton University Press.

Gromadzki, Jan (2024). Labor supply effects of a universal cash transfer Journal of Public Economics, 239, 105248.

Häner-Müller, Melanie; Kalbermatter, Nina; Schaltegger, Christoph A. (2026). Evidenzbasierte Familienpolitik in der Schweiz: Was wirkt wie? IWP Policy Papers No. 29.

Havnes, Tarjei; Mogstad, Magne (2011a). Money for nothing? Universal child care and maternal employment Journal of Public Economics, 95(11–12), 1455–1465.

Havnes, Tarjei; Mogstad, Magne (2015). Is universal child care leveling the playing field? Journal of Public Economics, 127, 100–114.

Hermes, Henning; Lergetporer, Philipp; Peter, Frauke; Wiederhold, Simon (2025). Application Barriers and the socioeconomic gap in child care enrollment Journal of the European Economic Association, 23(3), 1133-1172. 

Ho, Christine; Pavoni, Nicola (2020). Efficient child care subsidies American Economic Review, 110(1), 162–199.

ISSP, ISSP Research Group (2025). International Social Survey Programme: Family and Changing Gender Roles V – ISSP 2022.

Morrissey, Taryn W. (2017). Child care and parent labor force participation: a review of the research literature Review of Economics of the Household, 15, 1–24.

Müller, Franziska; Ramsden, Alma. (2017). Evidenzbasierte Erkenntnisse zu Wirkungen von Elternzeit sowie Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub: Literaturanalyse zuhanden der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF), Interface Politikstudien Forschung Beratung, Luzern.

Olivetti, Claudia; Petrongolo, Barbara (2017). The economic consequences of family policies: lessons from a century of legislation in high-income countries Journal of Economic Perspectives, 31(1), 205–230.

Patnaik, Ankita (2019). Reserving time for daddy: The consequences of fathers’ quotas. Journal of Labor Economics, 37(4), 1009–1059.

Tamm, Marcus (2019). Fathers’ parental leave-taking, childcare involvement and labor market participation Labour Economics, 59, 184–197.

Dr. oec., Bereichsleiterin Sozialpolitik und Bildungsverantwortliche, Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern
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Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern
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