Auf einen Blick
- Besonders zugenommen haben IV-Neurenten bei 18- bis 24-Jährigen aufgrund psychischer Erkrankungen, deren Zahl sich innert zehn Jahren nahezu verdoppelt hat.
- Eine Studie der Berner Fachhochschule im Auftrag der IV-Stelle Bern zeigt, dass der Anstieg auf ein Zusammenspiel von zunehmenden Belastungen, veränderten Diagnosepraktiken und höherer Sensibilisierung zurückzuführen ist.
- Der steigende Bedarf trifft auf eine gut ausgebaute, aber fragmentierte Angebotslandschaft, weshalb bessere Koordination und niederschwellige Zugänge entscheidend sind.
Seit 2019 steigt die Zahl der Rentenbeziehenden in der Invalidenversicherung (IV) wieder an, nachdem sie zuvor über viele Jahre rückläufig war. Der zentrale Treiber ist die wachsende Zahl von Neuanmeldungen: Während die Rentenzusprachequote stabil blieb, nahm die Anmeldungsquote von 0,8 Prozent im Jahr 2014 auf über 1,1 Prozent im Jahr 2024 zu (BSV 2026). Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend im Bereich psychischer Erkrankungen von jungen Menschen: Bei den 18- bis 24-Jährigen hat sich die Zahl der IV-Neurenten aufgrund psychischer Probleme innerhalb eines Jahrzehnts nahezu verdoppelt.
Aktuelle Befragungen von Jugendlichen in der Schweiz zeigen, dass psychische Belastungen und Stress im Alltag weit verbreitet sind. So zählen Schul- und Ausbildungsstress, Leistungsdruck sowie Sorgen um die berufliche Zukunft laut einer repräsentativen Befragung von Pro Juventute zu den häufigsten Belastungsfaktoren von 14- bis 25-Jährigen in der Schweiz (Pro Juventute 2026).
Im Auftrag der IV-Stelle des Kantons Bern haben wir in einer Studie wissenschaftliche Grundlagen zur Weiterentwicklung der Unterstützungsangebote für junge Menschen mit psychischen Problemen in der IV erarbeitet (Tschanz et al. 2026). Methodisch kombiniert unsere Studie Literaturanalysen und ein «Scoping Review» mit qualitativen Interviews zentraler Stakeholder im Kanton Bern. Da die Daten- und Studienlage in der Schweiz begrenzt ist, wurden internationale Evidenz und Daten herbeigezogen.
Vielschichtige Ursachen
Der Anstieg der IV-Anmeldungen bei jungen Menschen lässt sich nicht mit einer einzigen Ursache erklären. Die Literatur zeigt vielmehr unterschiedliche Muster je nach Störungsbild auf. Bei Depressionen und Angststörungen weisen internationale Studien darauf hin, dass psychische Belastungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen tatsächlich zugenommen haben (Zhang et al. 2025; Bie et al. 2024). Dazu zählen Leistungsdruck im Bildungssystem, Einsamkeit, Mobbing, familiäre Belastungen und digitale Stressoren (Krokstad et al. 2022). Die COVID-19-Pandemie hat diese Entwicklungen nicht allein ausgelöst, sie aber verstärkt und sichtbarer gemacht (Gondek et al. 2024).
Bei Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) sowie bei Autismus-Spektrum-Störungen zeigt sich ein anderes Bild. Hier deutet die Forschung darauf hin, dass steigende Diagnosezahlen stark mit veränderten diagnostischen Praktiken, mehr gesellschaftlicher Sensibilisierung und abnehmender Stigmatisierung zusammenhängen. So kann eine frühe Diagnose den Zugang zu Unterstützung erleichtern. Gleichzeitig führt die bessere Sichtbarkeit neuroentwicklungsbedingter Besonderheiten dazu, dass mehr junge Menschen Abklärungen und Unterstützung nachfragen (Brown et al. 2024). Dies betrifft insbesondere Gruppen, bei denen Anzeichen früher häufiger unerkannt blieben, etwa Mädchen und junge Frauen (Hinshaw et al. 2022).
Digitale Medien wiederum wirken im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen ambivalent. Einerseits können intensive Nutzung, soziale Vergleiche oder Cybermobbing psychische Belastungen verstärken – andererseits finden sich in den sozialen Medien Informationen über psychische Gesundheit, ADHS, Autismus und Neurodiversität, was zur Sensibilisierung beitragen kann (Mayerhofer et al. 2024; Brown et al. 2024).
Für die Invalidenversicherung sind diese Differenzierungen zentral. Mehr Diagnosen bedeuten nicht in jedem Fall eine gleich starke Zunahme der zugrunde liegenden Erkrankungen. Sie können auch Ausdruck veränderter Wahrnehmung, besserer Erkennung und höherer Bereitschaft zur Inanspruchnahme von Unterstützung sein. Um junge Menschen gezielt unterstützen zu können, müssen deshalb Erklärungsmuster identifiziert werden, die hinter dem Anstieg von psychischen Erkrankungen stehen. Dabei gilt es, die jeweiligen Bedürfnisse zu analysieren – dazu zählen beispielsweise der Wunsch nach Orientierung bei zunehmenden Belastungen sowie die Nachfrage nach zugänglichen Angeboten bei einer früheren Diagnose.
Was sagen die Stakeholder?
Die problemzentrierten Interviews im Rahmen unserer Studie mit elf Schlüsselpersonen aus den Bereichen Schule, Heilpädagogik, Berufsbildung, Berufsberatung (BIZ), Case-Management Berufsbildung, Sozialdienste, Erziehungsberatung, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Beratungsstellen und Ausbildungsbetrieben sowie einer Elternvertretung bieten einen Einblick in praxisnahe Einschätzungen und Erfahrungen im IV-nahen Übergangssystem zwischen Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt. Obwohl die Aussagen nicht repräsentativ sind, zeigen sie doch in verschiedenen Handlungsfeldern vergleichbare Herausforderungen sowie einen erhöhten Bedarf an Orientierung im Praxisalltag auf.
Die Interviews zeigen, dass sich der Unterstützungsbedarf junger Menschen mit psychischen Belastungen oder neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten selten eindimensional darstellt. Oftmals überlagern sich gesundheitliche Beeinträchtigungen mit schulischen Brüchen, Absentismus, Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten sowie familiären oder sozialen Belastungsfaktoren. Daraus ergeben sich komplexe Unterstützungssituationen, an denen mehrere Akteure beteiligt sind.
Besonders anspruchsvoll sind die Übergänge von der Schule in die Ausbildung sowie von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt. In diesen Phasen ändern sich die Zuständigkeiten und bestehende Unterstützungsarrangements fallen teilweise weg, während die Anforderungen an Selbstorganisation, Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit zunehmen.
Die Befragten beurteilen die IV-spezifischen und ergänzenden Angebote im Kanton Bern insgesamt als gut ausgebaut. Verbesserungsbedarf machen sie unter anderem an den Schnittstellen zwischen den Angeboten aus – unter anderem bei den Zuständigkeiten, der Abstimmung zwischen beteiligten Stellen und der Benennung klarer Ansprechpersonen. Insbesondere für Akteure mit wenig direktem Kontakt zur IV besteht zusätzlicher Informationsbedarf. Demgegenüber werden die persönlichen Kontakte, transparente Informationen sowie eine lösungs- und ressourcenorientierte Zusammenarbeit als zentrale Stärken der IV hervorgehoben.
IV spielt Schlüsselrolle
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Anstieg der IV-Anmeldungen im Bereich psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels individueller, gesellschaftlicher und diagnostischer Faktoren. Gleichzeitig prägen gesellschaftliche Entwicklungen wie steigender Leistungsdruck im Bildungssystem, digitale Stressoren und Krisenerfahrungen das Aufwachsen junger Menschen zunehmend und können bestehende Vulnerabilitäten verstärken – gerade bei Jugendlichen mit neuroentwicklungsbedingten Störungen.
Die Stakeholder aus der Praxis bestätigen, dass gerade an Schnittstellen komplexe Problemlagen sichtbar werden, häufig verbunden mit Mehrfachdiagnosen oder Begleiterkrankungen, schulischen Schwierigkeiten oder familiären Belastungen. Gleichzeitig zeigt sich, dass die grundsätzlich gut ausgebaute Angebotslandschaft in ihrer Fragmentierung Herausforderungen birgt, die eine klare Orientierung und effektive Nutzung erschweren.
Vor diesem Hintergrund liegt eine zentrale Aufgabe der Invalidenversicherung in der Gestaltung wirksamer, zugänglicher und gut koordinierter Unterstützungsprozesse. Besonders erfolgversprechend scheinen Ansätze, die den Zugang zur IV niederschwellig gestalten, Orientierung im komplexen Unterstützungssystem bieten und eine klare Koordinationsfunktion übernehmen. Die IV-Stellen können durch frühzeitige Information, gezielte Sensibilisierung und verbesserte Koordination eine stabilisierende Rolle einnehmen und gemeinsam mit Partnerinstitutionen abgestimmte Unterstützungsprozesse sicherstellen (siehe Kasten).
«Moviia» – eine Dienstleistung der IV-Stelle Kanton Bern
Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen oder neuroentwicklungsbedingten Störungen stehen beim Einstieg in Ausbildung und Beruf häufig vor besonderen Herausforderungen. Damit ihre Integration gelingt, braucht es ein gemeinsames Verständnis der Situation sowie eine frühzeitige Abstimmung zwischen den beteiligten Stellen und Bezugspersonen. Gerade in dieser sensiblen Lebensphase kann eine frühzeitige, individuelle und verlässliche Begleitung entscheidend sein.
Das neue Angebot der IV-Stelle Kanton Bern «Moviia» setzt hier an. Es schafft einen niederschwelligen Zugang zu Informationen und Beratungen für junge Menschen, für ihr Umfeld sowie für Fachpersonen. Betroffene, ihr Umfeld sowie Fachpersonen können sich über die neue Website moviia.ch, telefonisch oder per Mail melden, auf Wunsch auch anonym. Gleichzeitig fördert Moviia die Sensibilisierung von Schulen, Fachpersonen und Ausbildungsbetrieben für gesundheitlich bedingte Schwierigkeiten sowie für die Möglichkeiten und Grenzen der IV. Ziel ist es, frühzeitig Orientierung zu schaffen, passende Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen und unnötige Umwege im Unterstützungssystem zu vermeiden.
Literaturverzeichnis
Bie, Fengsai et al. (2024). Rising global burden of anxiety disorders among adolescents and young adults: Trends, risk factors, and the impact of socioeconomic disparities and COVID-19 from 1990 to 2021. Frontiers in Psychiatry, 15, 1489427.
Brown, Tashalee R. et al. (2024). Co-occurring autism, ADHD, and gender dysphoria in children, adolescents, and young adults with eating disorders: An examination of pre- vs. post-COVID pandemic outbreak trends with real-time electronic health record data. Frontiers in Psychiatry, 15, 1402312.
BSV (2026). IV: Ursachen des Rentenanstiegs. Hintergrunddokument im Rahmen der Integrationsreform IV.
Gondek, Dawid et al. (2024). The COVID-19 pandemic and wellbeing in Switzerland – worse for young people? Child and Adolescent Psychiatry and Mental dHealth, 18, 67.
Hinshaw, Stephen P. et al. (2022). Annual Research Review: Attention‑deficit/hyperactivity disorder in girls and women: underrepresentation, longitudinal processes, and key directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 63(4), 484–496.
Krokstad, Steinar et. al. (2022). Divergent decennial trends in mental health according to age reveal poorer mental health for young people: Repeated cross-sectional population-based surveys from the HUNT Study, Norway. BMJ Open, 12(5), e057654.
Mayerhofer, Doris et al. (2024). The Association between Problematic Smartphone Use and Mental Health in Austrian Adolescents and Young Adults. Healthcare, 12(6), 600.
Pro Juventute (2026). Pro Juventute Jugendstudie 2026: Umgang mit Stress, Krisen, Mediennutzung und Resilienz bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz. Studie im Auftrag von Pro Juventute.
Tschanz, Christoph et al. (2026). Analyse junger Menschen in der IV: Impulse für die Weiterentwicklung. Studie im Auftrag der IV-Stelle Kanton Bern.
Zhang, Yutong et al. (2025). Global, regional and national burdens of major depression disorders and its attributable risk factors in adolescents and young adults aged 10–24 years from 1990 to 2021. BMC Psychiatry, 25(1), 399.