Auf einen Blick
- Zahlreiche staatliche Stellen fördern die Grundkompetenzen, die für die Integration und Eigenständigkeit von Erwachsenen unverzichtbar sind.
- Die nationale interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) hat definiert, was Qualität bei der Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen bedeutet.
- Ein Praxisleitfaden mit konkreten Beispielen unterstützt die für die Förderung der Grundkompetenzen zuständigen Stellen bei der Ausarbeitung von Strategien und Massnahmen.
Grundkompetenzen sind für ein selbstbestimmtes Privat- und Berufsleben sowie lebenslanges Lernen unabdingbar. Das Bundesgesetz über die Weiterbildung (WeBiG) definiert die Grundkompetenzen als Fähigkeiten in den Bereichen Lesen, Schreiben und mündliche Ausdrucksfähigkeit in einer Landessprache, als Grundkenntnisse der Mathematik sowie als die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien (Art. 13 WeBiG). Um diese Grundkompetenzen genauer abzustecken, hat das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) ein Forschungsteam damit beauftragt, das Schwellenniveau zwischen Grundkompetenzen und weiterführende Kompetenzen zu definieren (SBFI 2026).
Ein Drittel der Erwachsenen ist betroffen
Erwachsene mit geringen Grundkompetenzen haben es schwerer, dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Sie sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen, in Tieflohnbereichen tätig oder arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen (befristete Verträge, Arbeit auf Abruf, Mehrfachbeschäftigung usw.). Ebenso schmälern fehlende Grundkompetenzen die Eigenständigkeit im Privatleben, etwa wenn man auf die Hilfe einer anderen Person angewiesen ist, um ein Zugticket zu kaufen oder ein offizielles Schreiben zu verstehen. Es kann auch sein, dass sich jemand nicht sicher genug fühlt, um in den Vorstand eines Vereins einzutreten.
In den Jahren 2022 und 2023 nahm die Schweiz am internationalen Programm zur Evaluation der Kompetenzen von Erwachsenen (Program for the International Assessment of Adult Competencies, PIAAC) teil. Die Erhebung misst die Kompetenzen von Erwachsenen in den Bereichen Lesen, Mathematik und adaptives Problemlösen. Die Ergebnisse zeigen, dass fast 30 Prozent der in der Schweiz lebenden Erwachsenen in mindestens einer dieser Kompetenzen einen geringen Wert aufweisen.
Im Lesen haben 22 Prozent (1,25 Mio.) und in Mathematik 19 Prozent (1,06 Mio.) der untersuchten Bevölkerung ein tiefes Kompetenzniveau (BFS 2025). Aus dem nationalen Armutsmonitoring (BSV 2025) geht hervor, dass die Betroffenen die verschiedenen Beratungs- und Bildungsangebote, die ihnen zur Verfügung stehen, nur wenig nutzen. Es besteht also ein grosses Verbesserungspotenzial.
Bestehende Lösungen sind nach wie vor kaum bekannt
Auf Bundesebene sehen zahlreiche Gesetze Massnahmen zur Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener in verschiedenen politischen Bereichen und nach unterschiedlichen Kriterien vor. Das erwähnte Bundesgesetz über die Weiterbildung ermöglicht dabei die Finanzierung kantonaler Programme zum Erhalt und Erwerb von Grundkompetenzen. Es ergänzt damit unter anderem folgende Gesetze (Feller et al. 2022):
- das Bundesgesetz über die Arbeitslosenversicherung (Arbeitslosenversicherungsgesetz, AVIG), das arbeitsmarktliche Massnahmen (AMM) vorsieht;
- das Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsgesetz, AIG), das auf die finanzielle Unterstützung der kantonalen Integrationsprogramme (KIP) abzielt;
- und das Bundesgesetz über die Berufsbildung (Berufsbildungsgesetz, BBG), auf das sich insbesondere das Programm «Einfach besser! … am Arbeitsplatz» stützt.
Für die Umsetzung sind meist die Kantone zuständig. Die kantonalen Behörden nutzen dabei ihren Handlungsspielraum, um die konkreten Massnahmen an den regionalen Kontext anzupassen, beispielsweise an die Bevölkerungsstruktur, die geografischen Gegebenheiten oder die bereits bestehenden Strukturen. All diese Massnahmen sind historisch gewachsen und eng an den politischen und wirtschaftlichen Kontext der einzelnen Akteure geknüpft.
Der Austausch zwischen den Behörden verschiedener Kantone wie auch der Austausch zwischen unterschiedlichen Behörden innerhalb eines Kantons, beispielsweise im Rahmen der interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ) hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Dennoch ist das Wissen über die Lösungen, die in einem anderen Kontext umgesetzt werden, ungenügend. Dadurch besteht die Gefahr, dass ein Dienst bei Null anfängt, obwohl er von den wertvollen Erfahrungen anderer profitieren könnte.
Für eine bessere Qualität der Förderung der Grundkompetenzen
Der von der nationalen interinstitutionellen Zusammenarbeit in Auftrag gegebene Bericht «Förderung der Grundkompetenzen – Schnittstellen und Qualität» (Feller et al. 2022; Widmer 2022) enthält mehrere Empfehlungen, wie beispielsweise Impulse zur Qualitätsentwicklung in der Grundkompetenzförderung setzen. Als ersten Schritt hat die IIZ-Arbeitsgruppe «Grundkompetenzen» ein gemeinsames Qualitätsverständnis entwickelt:
«Qualität in der Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener ist gegeben, wenn alle Zielgruppen erreicht werden und Zugang zu einem bedarfs- und bedürfnisgerechten Angebot haben. Das Angebot ist so konzipiert, dass es auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Menschen abgestimmt ist und dessen berufliche Integration und Weiterentwicklung fördert. Zudem trägt das Angebot dazu bei, die selbständige Alltagsführung der Personen und deren Partizipation an der Gesellschaft zu verbessern.»
Die Qualität ist gegeben, wenn folgende fünf Dimensionen berücksichtigt werden:
- Kommunikation
- Interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ)
- Durchlässigkeit
- Bedürfnisse der Zielgruppen
- Beratung und Begleitung
Das gemeinsame Verständnis der Qualität ist eine knappe und daher relativ abstrakte Definition. Um die verschiedenen staatlichen Stellen, die sich mit der Förderung der Grundkompetenzen befassen, bei der Umsetzung zu unterstützen, wurde ein Praxisleitfaden entwickelt und Ende August 2026 veröffentlicht.
Ein Praxisleitfaden mit konkreten Beispielen
Der Praxisleitfaden richtet sich in erster Linie an Stellen, die Grundkompetenzen fördern – in der Regel durch finanzielle Unterstützung. In den meisten Fällen arbeiten sie dabei mit einer Strategie, einem Konzept, einem Aktionsplan oder einem Programm. Der Praxisleitfaden unterstützt sie bei der strategischen Planung sowie bei der Konzeption und Entwicklung konkreter Massnahmen.
Der Leitfaden beschreibt kurz die verschiedenen Dimensionen des gemeinsamen Qualitätsverständnisses, ihre Bedeutung für die Qualitätssicherung und die Massnahmen, die die zuständigen Stellen ergreifen können. Anschliessend werden für jede Dimension Ansätze zur Verbesserung der Massnahmen vorgestellt. Im Bereich Kommunikation sind beispielsweise folgende Ansätze relevant:
- die eigene Kommunikation
- die Abstimmung der Kommunikation mit Partnern
- und das Ansprechen der Zielgruppe.
Jeder Ansatz enthält Praxisfragen, die von Lösungsansätzen und konkreten Umsetzungsbeispielen begleitet sind. Für weitere Informationen zu einem Beispiel wird auf die Website der Massnahme mit den Kontaktdaten der zuständigen Stelle verwiesen. Die Beispiele beziehen sich jeweils auf einen Ansatz, eine Strategie, eine Methode oder ein Instrument, das heute von einem Akteur im Bereich Grundkompetenzförderung eingesetzt wird. Dabei wurde darauf geachtet, die verschiedenen politischen Bereiche und Sprachregionen abzudecken.
Der Praxisleitfaden soll als Orientierungshilfe bei verschiedenen Vorhaben dienen, beispielsweise bei der Überarbeitung eines Programms oder Konzepts beziehungsweise einzelner Teile davon. Er wird punktuell und je nach aktueller Priorität eingesetzt. Liegt der Fokus beispielsweise auf den Kommunikationsmassnahmen, um die Zielgruppe besser zu erreichen, sind die im Leitfaden in diesem Bereich beschriebenen Beispiele relevant.
Die IIZ-Arbeitsgruppe «Grundkompetenzen» stellt sicher, dass der Praxisleitfaden regelmässig aktualisiert wird. Einerseits wird überprüft, ob die Beispiele noch aktuell sind. Andererseits werden laufend neue Beispiele hinzugefügt, um neue Perspektiven aufzuzeigen und den Akteuren der Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener weitere Anregungen zu liefern.
Literaturverzeichnis
Widmer, Priska (2022). Grundkompetenzen fördern – interinstitutionelle Zusammenarbeit verbessern, Soziale Sicherheit CHSS, 6. September.
Feller, Ruth; Schwegler, Charlotte; Büchel, Karin; Bourdin, Clément (2022). IIZ-Projekt: «Förderung der Grundkompetenzen – Schnittstellen und Qualität». Bericht zuhanden der Co-Projektleitung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und des Staatssekretariats für Migration (SEM), Luzern/Lausanne.
BSV (2025). Armutsmonitoring der Schweiz. Bericht 2025. Bildung und Armut.
BFS (2025). PIAAC Schweiz – Kompetenzen von Erwachsenen.
SBFI (2026). Schwellenniveau für die Grundkompetenzen Erwachsener.