Auf einen Blick
- Anhaltend niedrige Geburtenraten bremsen das Wachstum des inländischen Arbeitskräfteangebots, verstärken die Alterung der Bevölkerung und erhöhen den Druck auf die öffentlichen Haushalte.
- Die Geburtenrate wird von finanziellen Faktoren, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie gesellschaftlichen Veränderungen und damit einhergehenden neuen Lebensentwürfen beeinflusst.
- Familienpolitische Massnahmen können die Geburtenrate zwar leicht erhöhen, ihr Einfluss bleibt jedoch begrenzt und vorübergehend.
Im Jahr 2025 lebten in der Schweiz erstmals mehr Personen im Rentenalter als Personen unter 20 Jahren. Hinter diesem demografischen Wendepunkt stehen zwei langfristige Entwicklungen: die steigende Lebenserwartung und die seit Jahrzehnten anhaltend niedrige Geburtenrate.
Welche Herausforderungen ergeben sich aus dauerhaft niedrigen Geburtenraten für Wirtschaft und öffentliche Finanzen? Und welchen Einfluss hat die Familienpolitik auf die Geburtenrate? Auf Grundlage der bestehenden Literatur sind wir diesen Fragen in einer Studie nachgegangen (Lerch et al. 2026).
Herausforderungen für Wirtschaft und öffentliche Finanzen
Die Schweiz verzeichnet seit Ende des 19. Jahrhunderts – mit Ausnahme der Babyboom-Phase – einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate (siehe Grafik). Im Jahr 2024 fiel sie erstmals unter 1,3 Kinder pro Frau und lag damit deutlich unter dem für den Generationenerhalt (ohne Zuwanderung) erforderlichen Niveau von 2,1 Kindern pro Frau.
Anhaltend niedrige Geburtenraten dämpfen das Wachstum der inländischen Erwerbsbevölkerung und damit das Wachstum des Arbeitskräfteangebots. Dies kann den Fachkräftemangel verschärfen und längerfristig das Wachstumspotenzial der Volkswirtschaft beeinträchtigen. Gleichzeitig beschleunigen niedrige Geburtenraten die Alterung der Bevölkerung.
Diese Entwicklung stellt auch eine Herausforderung für die öffentlichen Finanzen dar, da sie sowohl die Einnahmen als auch die Ausgaben der öffentlichen Haushalte beeinflusst. Ein schwächeres Wirtschaftswachstum dämpft die Entwicklung der Einnahmen aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Gleichzeitig führt die Alterung zu höheren Ausgaben für die Altersvorsorge und das Gesundheitswesen. Dadurch nimmt der finanzielle Druck auf Bund, Kantone, Gemeinden und Sozialversicherungen zu. Niedrige Geburtenraten sind daher nicht nur eine demografische oder familienpolitische Frage, sondern auch eine Herausforderung für die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen.
Ursachen niedriger Geburtenraten
Der Rückgang der Geburtenrate ist sowohl auf das steigende Alter der Eltern bei der Geburt eines Kindes als auch auf den Wunsch nach weniger oder keinen Kindern zurückzuführen. Zudem liegt die tatsächlich realisierte Kinderzahl häufig unter der ursprünglich gewünschten Kinderzahl. Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig. In der Literatur lassen sich im Wesentlichen drei eng miteinander verknüpfte Erklärungsansätze unterscheiden (siehe Grafik 2).
Kinder können zu einer höheren Lebenszufriedenheit beitragen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Für Eltern sind Kinder jedoch mit direkten Kosten, etwa für Betreuung, Wohnen und Ausbildung, sowie mit indirekten Kosten wie Einkommenseinbussen infolge einer geringeren Erwerbstätigkeit verbunden. Darüber hinaus können Veränderungen der wirtschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen den Kinderwunsch beeinflussen. Mit dem Ausbau des Sozialstaats und der stärkeren Absicherung durch die sozialen Sicherungssysteme haben Kinder weitgehend ihre frühere Funktion als wirtschaftliche Absicherung verloren. Auch Unsicherheiten über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft – etwa infolge von Wirtschaftskrisen, Pandemien, des Klimawandels oder geopolitischer Spannungen – können dazu beitragen, dass insbesondere jüngere Generationen die Familiengründung aufschieben oder kinderlos bleiben.
Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beeinflusst den Kinderwunsch. Relativ hohe Kosten und ein noch ausbaufähiges Angebot an institutioneller familienergänzender Kinderbetreuung tragen dazu bei, dass Kinder in der Schweiz im internationalen Vergleich weniger häufig familienergänzend betreut werden und ein grösserer Teil der Betreuung innerhalb der Familie erfolgt. Diese Aufgabe wird nach wie vor überwiegend von Frauen übernommen. Obwohl Mütter in der Schweiz im internationalen Vergleich eine hohe Erwerbsquote aufweisen, ist Teilzeitarbeit besonders verbreitet: Rund drei Viertel der erwerbstätigen Mütter arbeiten Teilzeit, gegenüber lediglich 15 Prozent der Väter.
Das gestiegene Bildungsniveau und die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen haben die Bedeutung einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter erhöht. Ist diese nicht ausreichend gewährleistet, steigen die Opportunitätskosten der Elternschaft, was sich auch auf die Entscheidung für oder gegen (weitere) Kinder auswirken kann.
Neben finanziellen und institutionellen Faktoren spielen gesellschaftliche Wertvorstellungen und Lebensentwürfe eine wichtige Rolle. Persönliche Selbstverwirklichung und flexible Lebensentwürfe haben gegenüber traditionellen Familienmodellen an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig sind die Erwartungen an die Elternschaft gestiegen und Kinderlosigkeit wird gesellschaftlich eher akzeptiert – dennoch werden zwei Kinder häufig als gewünschte Kinderzahl genannt. Die Entscheidung für (weitere) Kinder wird somit nicht allein von finanziellen Überlegungen bestimmt, sondern auch von gesellschaftlichen Entwicklungen und sich wandelnden Wertvorstellungen.
G2: Einflussfaktoren auf die Geburtenrate
Wie wirkt die Familienpolitik auf die Geburtenrate?
Um Familien finanziell zu entlasten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, haben viele Länder ihre Familienpolitik ausgebaut, so auch die Schweiz (siehe Kasten). Zu den wichtigsten Massnahmen zählen Elternurlaub, Familienzulagen, Förderung der institutionellen familienergänzenden Kinderbetreuung sowie steuerliche Entlastungen. Eine Erhöhung der Geburtenrate steht dabei in der Regel nicht im Vordergrund.
Familienpolitik der Schweiz
Die Familienpolitik der Schweiz umfasst verschiedene Politikbereiche, unter anderem die Sozialversicherungen, die Steuerpolitik, das Bildungswesen sowie die Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitik. Die Zuständigkeit für die Familienpolitik liegt primär bei den Kantonen und Gemeinden, während der Bund eine unterstützende Rolle übernimmt. Zu den wichtigsten familienpolitischen Massnahmen der Schweiz zählen der 14-wöchige Mutterschaftsurlaub und der zweiwöchige Urlaub des anderen Elternteils, Kinder- und Ausbildungszulagen, die Förderung der institutionellen familienergänzenden Kinderbetreuung sowie steuerliche Entlastungen.
Im Jahr 2021 gab die Schweiz gemäss Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2,2 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts (BIP) für Familienleistungen aus. Der grösste Teil entfiel auf Familienzulagen, gefolgt von steuerlichen Entlastungen für Familien mit Kindern und weiteren Leistungen, etwa Subventionen für die familienergänzende Kinderbetreuung. Damit lagen die Ausgaben in der Schweiz unter dem OECD-Durchschnitt von 2,3 Prozent und dem EU-Durchschnitt von 2,7 Prozent des BIP (OECD 2026). Internationale Vergleiche sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren, da die Ausgaben in föderal geprägten Ländern wie der Schweiz tendenziell unterschätzt werden.
In den vergangenen Jahren wurden auf Bundesebene verschiedene familienpolitische Massnahmen beschlossen oder ausgebaut. So soll das Bundesgesetz über die Unterstützung der familienergänzenden Kinderbetreuung (UKibeG) voraussichtlich 2029 in Kraft treten. Es sieht die Einführung einer neuen Betreuungszulage sowie Programmvereinbarungen zwischen Bund und Kantonen zur Weiterentwicklung der institutionellen familienergänzenden Kinderbetreuung vor. Zudem wurden die Familienzulagen 2025 der Teuerung angepasst und somit erstmals seit Inkrafttreten des Familienzulagengesetzes im Jahr 2009 erhöht. Im Jahr 2023 wurde der maximale Abzug für die Kosten der familienergänzenden Kinderbetreuung bei der direkten Bundessteuer von 10 100 auf 25 800 Franken erhöht. 2021 wurde der zweiwöchige Urlaub des anderen Elternteils eingeführt. Darüber hinaus wurde 2025 die «Familienzeit-Initiative» lanciert, die eine Familienzeit von jeweils 18 Wochen für Mütter und Väter fordert. Auch im Parlament und auf kantonaler Ebene wird über einen Ausbau des Elternurlaubs diskutiert.
Entsprechend zeigt die empirische Evidenz, dass familienpolitische Massnahmen die Geburtenrate in der Regel nur moderat und häufig vorübergehend beeinflussen. Studien für die Schweiz zeigen leicht positive Effekte verschiedener Massnahmen auf die Geburtenrate, darunter ein breiteres Angebot an familienergänzender Kinderbetreuung (Bonoli 2008), einmalige Geburtszulagen (Chuard und Chuard-Keller 2021) und die Einführung des 14-wöchigen Mutterschaftsurlaubs (Girsberger et al. 2023).
Insgesamt legt die Literatur jedoch nahe, dass gesellschaftliche Entwicklungen, etwa wandelnde Wertevorstellungen und flexible Lebensentwürfe, die Geburtenrate stärker prägen und sich durch die Familienpolitik nur begrenzt beeinflussen lassen (OECD 2024).
Die staatliche Unterstützung sollte daher sorgfältig im Hinblick auf ihre Wirksamkeit sowie ihre wirtschaftspolitischen Kosten und Nutzen geprüft werden. Darüber hinaus stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt ein staatliches Ziel sein sollte, eine Erhöhung der Geburtenrate anzustreben. Plausibler erscheint es, die Lücke zwischen gewünschter und tatsächlich realisierter Kinderzahl auf individueller Ebene zu verringern, Familien finanziell zu unterstützen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Geschlechtergerechtigkeit in Erwerbs- und Betreuungsarbeit zu verbessern.
Anpassung an alternde Gesellschaft
Selbst wenn die Geburtenrate wieder ansteigen würde, würde es rund zwei Jahrzehnte dauern, bis die neugeborenen Kinder ins Erwerbsleben eintreten. Eine vorausschauende Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik muss sich daher auf eine alternde Gesellschaft einstellen.
Dabei gilt es, das inländische Arbeitskräftepotenzial noch besser auszuschöpfen. Dazu können unter anderem eine bessere Vereinbarkeit von Familie mit Beruf und Ausbildung, steuerliche Anreize und flexible Arbeitsmodelle beitragen. Eine arbeitsmarktorientierte Zuwanderung und ein hohes Produktivitätswachstum bleiben jedoch zentral, um die wirtschaftlichen Folgen eines schwächeren Wachstums des inländischen Arbeitskräfteangebots bei anhaltend niedrigen Geburtenraten abzufedern.
Gleichzeitig gewinnen Reformen der Altersvorsorge und des Gesundheitssystems weiter an Bedeutung, um deren langfristige Finanzierung zu sichern. Stärkere Anreize für eine längere Erwerbstätigkeit sowie die Förderung eines gesunden Alterns können dazu beitragen, die finanzielle Belastung der Sozialwerke zu reduzieren und zugleich das Arbeitskräftepotenzial älterer Personen besser auszuschöpfen. Darüber hinaus gilt es, die Steuer- und Sozialversicherungssysteme insgesamt widerstandsfähiger gegenüber dem demografischen Wandel auszugestalten.
Literaturverzeichnis
Bonoli, Giuliano (2008). The impact of social policy on fertility: Evidence from Switzerland. Journal of European Social Policy, 18(1), 64–77.
BFS (2026). Geburtenhäufigkeit, abgerufen am 4. Juni 2026.
Chuard, Caroline; Chuard-Keller, Patrick (2021). Baby bonus in Switzerland: Effects on fertility, newborn health, and birth-scheduling. Health Economics, 30(9), 2092–2123.
Girsberger, Esther Mirjam; Hassani-Nezhad, Lena; Karunanethy, Kalaivani; Lalive, Rafael (2023). Mothers at work: How mandating a short maternity leave affects work and fertility. Labour Economics, 84, 102364.
Lerch, Benjamin; Brändle, Thomas; Baur, Martin (2026). Niedrige Geburtenraten: Eine finanzpolitische Einordnung. Working Paper der Eidgenössischen Finanzverwaltung, Nr. 30.
OECD (2024). Society at a glance 2024: OECD social indicators. OECD Publishing, Paris.
OECD (2026). OECD family database. OECD-Datasets, abgerufen am 4. Juni 2026.