Auf einen Blick
- Der «Gender Overall Earnings Gap» (GOEG) zeigt die gesamten Erwerbseinkommensunterschiede zwischen Müttern und Vätern und fällt für das Jahr 2022 mit 54,6 Prozent deutlich höher aus als der Gender-Pay-Gap von 19,7 Prozent.
- Rund zwei Drittel der Einkommensunterschiede zwischen Müttern und Vätern gehen auf Unterschiede bei Erwerbsbeteiligung und Arbeitspensum zurück, insbesondere auf die häufigere Teilzeitarbeit von Müttern.
- Die Einkommenslücke zwischen Müttern und Vätern ist seit 2012 zurückgegangen.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für viele Eltern eine Herausforderung. Häufig stellen sich in diesem Zusammenhang auch Fragen nach der Gleichstellung der Geschlechter. Denn wie sich Eltern die Kinderbetreuung aufteilen, bestimmt auch darüber, ob Frauen und Männer ähnliche Karriere- und Einkommenschancen haben.
Gender-Pay-Gap vs. GOEG
Um Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern sichtbar zu machen, berechnet das Bundesamt für Statistik (BFS) alle zwei Jahre den Gender-Pay-Gap (Bundesrat 2025). Der Gender-Pay-Gap wird häufig verwendet, um zu analysieren, wie gross die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern für vergleichbare Arbeit sind. Der Gender-Pay-Gap fokussiert daher auf erwerbstätige Frauen und Männer und rechnet Löhne auf eine Vollzeitstelle hoch.
Nach der Geburt reduzieren viele Frauen jedoch ihr Arbeitspensum oder verlassen den Arbeitsmarkt ganz. Beide Dimensionen werden vom Gender-Pay-Gap nicht berücksichtigt.
Hier setzt der «Gender Overall Earnings Gap» (GOEG) an. Dieser berücksichtigt alle Frauen und Männer – unabhängig davon, ob sie erwerbstätig sind oder nicht. Und: Er vergleicht ihr tatsächliches Erwerbseinkommen und rechnet es nicht auf eine Vollzeitstelle hoch.
Das BFS hat den Gender-Pay-Gap für Eltern erstmals 2025 berechnet (Bundesrat 2025). Den GOEG berechnet das Bundesamt für Statistik seit 2022 für die Schweiz, allerdings nicht spezifisch für Eltern (BFS 2022).
Gesamte Einkommensunterschiede zwischen Müttern und Vätern
Eine Auswertung des KOF-Instituts ermittelt den GOEG nun erstmals auch für Mütter und Väter und vergleicht ihn mit dem Gender-Pay-Gap.
Für den GOEG werden alle in der Schweiz lebenden Frauen und Männer im Alter von 18 bis 64 Jahren in der Berechnung berücksichtigt. Die Daten stammen aus dem Jahr 2022. Als Mütter und Väter gelten Erwachsene, die mit minderjährigen Personen im selben Haushalt leben. Die Erwerbseinkommen stammen aus den AHV-Registerdaten. Der Gender-Pay-Gap wird mit der Lohnstrukturerhebung des BFS berechnet, die auf Vollzeit standardisierte Bruttomonatslöhne erfasst. Die Auswertung umfasst je rund eine Million Mütter und Väter.
Betrachtet man den Gender-Pay-Gap für Erwerbstätige und rechnet die Löhne auf Vollzeit hoch, verdienen Mütter 7202 Franken pro Monat und Vollzeitstelle für das Jahr 2022. Bei den Vätern sind es 8971 Franken. Das ergibt einen Lohnunterschied zwischen Müttern und Vätern von 19,7 Prozent (siehe Grafik). In Lohngleichheitsanalysen werden diese Lohnunterschiede anschliessend in einen erklärten Anteil, der auf Faktoren wie Ausbildung, berufliche Stellung und Branchenzugehörigkeit zurückgeführt werden kann, und einen unerklärten Anteil zerlegt.
Beim GOEG ist die Differenz deutlich grösser: Väter erzielen 7497 Franken Erwerbseinkommen pro Monat, Mütter dagegen nur 3405 Franken. Auf ein Jahr gerechnet, verdienen Mütter rund 49 000 Franken weniger als Väter. Der gesamte geschlechtsspezifische Erwerbseinkommensunterschied liegt damit bei 54,6 Prozent. Das heisst: Mütter verdienen 54,6 Prozent weniger als das typische Jahreseinkommen eines Vaters. In der Gesamtbevölkerung beträgt dieser geschlechtsspezifische Unterschied zwischen Männern und Frauen rund 40 Prozent.
Vor allem das Pensum fällt ins Gewicht
Der Vergleich zwischen dem Gender-Pay-Gap und dem GOEG zeigt: Der geschlechtsspezifische Lohnunterschied erklärt circa ein Drittel (19,7 von 54,6%) der gesamten Einkommensunterschiede zwischen Müttern und Vätern. Die restlichen zwei Drittel sind auf Unterschiede bei der Erwerbstätigkeit und den gearbeiteten Stunden zurückzuführen.
Mütter sind weniger oft erwerbstätig: 93 Prozent der Väter üben eine Erwerbstätigkeit aus, bei den Müttern sind es nur 82 Prozent. Noch ausgeprägter ist der Unterschied bei den Arbeitspensen: Väter arbeiten typischerweise 41 Stunden pro Woche, Mütter 25,2 Stunden. Eine einfache Dekomposition zeigt, dass vor allem die unterschiedlichen Arbeitspensen den GOEG beeinflussen.
Wie stark Erwerbstätigkeit und Arbeitspensum ins Gewicht fallen, zeigt sich auch an den absoluten Einkommenswerten, die für die Berechnung der Kennzahlen verwendet werden. Da fast alle Väter erwerbstätig sind und Vollzeit arbeiten, unterscheidet sich das für den Gender-Pay-Gap gemessene Einkommen für Väter nur geringfügig vom GOEG-Einkommen. Bei den Müttern hingegen sinkt das Medianeinkommen um mehr als die Hälfte, von 7202 auf 3405 Franken pro Monat.
Rückgang seit 2012, aber nicht nur bei Eltern
Wie haben sich die Einkommensunterschiede im Zeitverlauf verändert? Die Datengrundlage erlaubt eine Berechnung des GOEG für Eltern bis zurück ins Jahr 2012. Insgesamt haben sich die Einkommensunterschiede verringert: Während Mütter im Jahr 2012 65,5 Prozent weniger verdienten als Väter, beträgt der Unterschied 2022 noch 54,6 Prozent, ein Rückgang um 10,9 Prozentpunkte.
Allerdings ist der GOEG im gleichen Zeitraum auch in Haushalten ohne minderjährige Personen gesunken: von 35,5 Prozent im Jahr 2012 auf 28,9 Prozent im Jahr 2022, also um 6,6 Prozentpunkte. Diese parallele Entwicklung legt nahe, dass der Rückgang der Einkommensunterschiede bei Eltern nicht ausschliesslich auf eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf zurückzuführen ist, sondern teilweise eine allgemeinere Entwicklung am Arbeitsmarkt widerspiegelt.
Der GOEG bringt zum Ausdruck, dass in der Schweiz eine stark ausgeprägte Aufteilung der Familien- und Erwerbsarbeit zwischen Müttern und Vätern besteht. Da die Erwerbsbeteiligung von Müttern in der Schweiz relativ hoch ist, fällt für den Unterschied stärker ins Gewicht, dass Mütter häufiger teilzeiterwerbstätig sind als Väter. Die neuere ökonomische Forschung zeigt, dass die Einkommensunterschiede zwischen Müttern und Vätern stark von den Rahmenbedingungen geprägt sind, wie zum Beispiel vom Angebot und von den Kosten externer Kinderbetreuung oder von sozialen Normen. Eine aktuelle Schweizer Studie zeigt zudem, dass viele Mütter die langfristigen finanziellen Folgen von Teilzeitarbeit unterschätzen, etwa auf das Lohnwachstum oder auch auf die Höhe des Rentenanspruchs (Kleven et al. 2019, 2025; Olivetti et al. 2024; Costa-Ramón et al. 2026).
Dieser Beitrag ist am 27. August 2026 in der Publikation «Die Volkswirtschaft» erschienen. Er entspricht den dort geltenden Redaktionsrichtlinien. Die neuesten BFS-Zahlen zu den geschlechterspezifischen Lohnunterschieden unterscheiden sich von den oben erwähnten Zahlen, da sie sich auf das Jahr 2024 anstatt 2022 beziehen und für alle erwerbstätigen Personen anstatt nur für erwerbstätige Eltern berechnet wurden.
Literaturverzeichnis
BFS (2022). Erfassung des Gender Overall Earnings Gap und anderer Indikatoren zu geschlechterspezifischen Einkommensunterschieden.
Bundesrat (2025). Die Ursachen der Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern müssen in Bezug auf den Zivilstand vertieft über alle Altersstufen untersucht werden. Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulates 22.4500 Dobler vom 16.12.2022.
Costa-Ramón, A., M. Slotwinski, U. Schaede und A. A. Brenøe (2026). (Not) Thinking About the Future: Financial Information and Maternal Labor Supply. The Quarterly Journal of Economics, 141(2), 1335–1382.
Kleven, H., C. Landais und J. E. Søgaard (2019). Children and Gender Inequality: Evidence from Denmark. American Economic Journal: Applied Economics, 11(4), 181–209.
Kleven, H., C. Landais und G. Leite-Mariante (2025). The Child Penalty Atlas. Review of Economic Studies, 92(5), 3174–3207.
Olivetti, C., J. Pan und B. Petrongolo (2024). The Evolution of Gender in the Labor Market. Handbook of Labor Economics, 5, 619–677.