Auf einen Blick
- Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer wirkt regressiv, da tiefe Einkommen einen grösseren Teil ihres Budgets für Konsum aufwenden.
- Höhere Lohnbeiträge (AHV-Beiträge) treffen primär die aktive Erwerbsbevölkerung, Pensionierte bleiben weitgehend verschont.
- Bei einer hälftigen Finanzierung von Mehrwertsteuer und AHV-Beiträgen dominiert bei einkommensschwachen Haushalten die regressive Mehrwertsteuer-Komponente.
Wie die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) finanziell stabilisiert wird, entscheidet nicht nur über die Einnahmen, sondern auch darüber, wer die Last trägt. Im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) haben wir in einer Studie die Verteilungswirkungen einer höheren Mehrwertsteuer und von höheren Lohnbeiträgen untersucht (Bill-Körber et al. 2026).
Während im makroökonomischen Teil der Studie primär gesamtwirtschaftliche Aggregate betrachtet werden, richtet sich der Fokus des hier vorgestellten Teils der Studie auf die mikroökonomische Ebene: Welche Haushaltstypen und Einkommensklassen werden wie stark belastet? Die Studie beantwortet diese Frage mit einer Bottom-up-Analyse auf Basis der Haushaltsbudgeterhebung (HABE) 2018/2019, der aktuellsten Erhebung, welche nicht durch die Corona-Pandemie verzerrt ist.
Wir vergleichen drei Finanzierungsvarianten: eine ausschliesslich über die Mehrwertsteuer, eine ausschliesslich über AHV‑Beiträge sowie eine gemischte Finanzierung, die je zur Hälfte auf beiden Massnahmen basiert. Im Hauptszenario zur Mehrwertsteuer gehen wir von einer Erhöhung von einem Prozentpunkt im Normalsatz aus, während die reduzierten Sätze und Sondersätze proportional angehoben werden. Für das Hauptszenario der AHV-Beitragssätze nehmen wir an, dass diese um 0,75 Lohnprozente erhöht werden. In der Mischvariante werden beide Sätze um die Hälfte erhöht. Gemäss Schätzungen des BSV vom Herbst 2025 generieren alle drei Varianten Mehreinnahmen von ungefähr 3,4 Milliarden Franken.
In der Studie nehmen wir an, dass die Haushalte ihr Verhalten im Zeitverlauf nicht anpassen (Ceteris-paribus-Ansatz). Damit zeigen wir die unmittelbaren Verteilungswirkungen unter konstantem Konsumverhalten – nicht jedoch mögliche langfristige Anpassungen.
Mehrwertsteuer wirkt regressiv
Für die Verteilungsanalyse unterstellen wir eine Eins-zu-eins-Überwälzung der Mehrwertsteuer auf die Konsumentenpreise bei den betroffenen Gütern. Auch diese Annahme stellt die Realität verkürzt dar, wie die in der Makroanalyse verwendete empirische Literatur zeigt. Diese Vereinfachungen ermöglichen aber einen nachvollziehbaren Vergleich der unmittelbaren Auswirkungen.
Ein Durchschnittshaushalt bezahlt gemäss Hauptszenario jährlich 287 Franken mehr für denselben Warenkorb. Eine allfällige Schattensteuer («taxe occulte») wird dabei nicht berücksichtigt. Diese Zusatzbelastung entsteht bei den von der Steuer ausgenommenen Mehrwertsteuerumsätzen, da dort kein Vorsteuerabzug möglich ist.
Der Medianhaushalt trägt mit jährlich 230 Franken eine tiefere Zusatzbelastung als der Durchschnittshaushalt. Das hängt mit der schiefen Einkommensverteilung zusammen: Sehr einkommensstarke Haushalte erhöhen den Durchschnittswert, ohne den Median entsprechend zu verschieben.
Absolut betrachtet tragen einkommensstarke Haushalte mehr zur Finanzierung bei. Die obersten 10 Prozent zahlen gemäss unserer Berechnung jährlich rund 567 Franken, die untersten 10 Prozent rund 115 Franken.
Entscheidend ist aus verteilungspolitischer Sicht allerdings nicht nur der absolute Betrag, sondern die Belastung relativ zum verfügbaren Einkommen. Unter diesem Blickwinkel zeigt sich: Die Mehrwertsteuererhöhung wirkt systematisch regressiv: Haushalte mit tiefem Einkommen werden im Verhältnis zu ihrem verfügbaren Einkommen stärker belastet als Haushalte mit hohem Einkommen, weil der Konsum einen grösseren Anteil ihres Budgets ausmacht.
Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die Mehrwertsteuer trifft alle Haushalte über den Konsum, inklusive Rentenbeziehende und andere Gruppen ohne Erwerbseinkommen. Die Basis ist breit, die Belastung aber für tiefere Einkommen relativ höher.
AHV-Beitragssatz trifft Erwerbstätige
Bei den AHV-Beiträgen fällt die Hälfte der Zusatzlast zulasten der Arbeitnehmenden, da diese paritätisch zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden aufgeteilt sind. In der Analyse wird vereinfachend unterstellt, dass diese Aufteilung tatsächlich unverändert gilt.
Für einen durchschnittlichen Arbeitnehmerhaushalt ergibt sich daraus eine jährliche Mehrbelastung von 449 Franken, sofern das Konsumniveau unverändert bleibt. Auch hier liegt die Medianbelastung mit 400 Franken unter dem Durchschnitt.
Der zentrale Unterschied zur Mehrwertsteuer besteht in der betroffenen Bevölkerungsgruppe: Da 93 Prozent der AHV-Lohnsumme auf Arbeitnehmende entfallen, bleiben Haushalte ohne Erwerbseinkommen von einer Beitragserhöhung nahezu unberührt. Darunter finden sich die Mehrheit der Pensionierten, Studierende, Sozialhilfeempfänger sowie all jene, deren Einkommen unter der Mindestschwelle liegt.
Zieht man alle Haushalte in die Betrachtung ein – also neben Arbeitnehmenden auch Rentenbeziehende, Selbständige und Erwerbslose –, sinkt die durchschnittliche Mehrbelastung auf 304 Franken pro Jahr. Die erwähnten 449 Franken spiegeln somit vor allem die Konzentration der Last auf die Erwerbsbevölkerung wider.
Innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmenden wirkt die Belastung dabei leicht progressiv, das heisst, einkommensstarke Haushalte zahlen relativ mehr. In der Verteilungsanalyse berücksichtigen wir zudem teilweise, dass höhere Beiträge das steuerbare Einkommen senken. Diese Steuerersparnis fliesst als Teilkompensation in die Berechnung ein.
AHV-Beiträge konzentrieren sich auf die aktive Erwerbsbevölkerung. Die Belastung ist innerhalb dieser Gruppe eher proportional, trifft aber Pensionierte und andere Nichterwerbstätige kaum.
Kombination von Mehrwertsteuer und Lohnbeitrag
In einer zusätzlichen Berechnung haben wir eine hälftige Erhöhung der Mehrwertsteuer und eine hälftige Erhöhung der AHV-Beitragssätze untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass sich die Betroffenheit je nach Erwerbsstatus der Haushalte unterscheidet. So sind Haushalte ohne oder mit geringem Erwerbseinkommen insgesamt weniger stark von der kombinierten Massnahme betroffen, gleichzeitig dominiert bei ihnen jedoch weiterhin die regressive Wirkung der Mehrwertsteuer. Bei Arbeitnehmendenhaushalten verschwindet die regressive Wirkung der Mehrwertsteuer in der Kombination hingegen mit steigendem Einkommen.
Finanzierung ist Verteilungspolitik
Die Studie zeigt, dass die Wahl des Finanzierungsinstruments nicht nur eine technische Frage der Mittelbeschaffung ist. Sie entscheidet über die Verteilungswirkungen der AHV-Stabilisierung.
Eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer verteilt die Last breit, wirkt aber regressiv und belastet tiefe Einkommen relativ stärker. Eine Finanzierung über höhere AHV-Beitragssätze konzentriert die Last auf Erwerbstätige und verschont Nichterwerbstätige weitgehend. In einer Kombination setzt sich das regressivere Muster der Mehrwertsteuer-Komponente bei einkommensschwachen Haushalten durch.
Literaturverzeichnis
Bill-Körber, Alexis; Ding, Luca; Maurer, Claude; Roth, Karin (2026). Wirtschaftliche und soziale Auswirkungen unterschiedlicher Massnahmen zur finanziellen Stabilisierung der AHV (2025–2040); Makro- und Mikroanalysen, Erhöhung Mehrwertsteuer, AHV-Beitragssätze und Referenzalter. Studie im Auftrag des BSV. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 8/26.