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HomeSchwerpunkteTeilzeitarbeit: Herausforderungen für die soziale Sicherheit«Teilzeitarbeit ist zur gängigen Form geworden, Familie und Beruf zu vereinbaren»

«Teilzeitarbeit ist zur gängigen Form geworden, Familie und Beruf zu vereinbaren»

Teilzeitarbeit ist nach wie vor von Geschlechterungleichheiten geprägt und betrifft vor allem Mütter. Dies sei sowohl auf strukturelle Faktoren als auch auf tief in den Köpfen verankerte Stereotypen zurückzuführen, sagt Stéphanie Lachat, Co-Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG).
Gabrielle D’Aloia
  |  18. Mai 2026
    InterviewMeinungRecht und Politik
  • Arbeit
  • Gleichstellung
«Unsere Aufgabe ist es, mit objektiven, verständlichen Daten zu sensibilisieren und zu informieren»: Stéphanie Lachat, Co-Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann. (Foto: Marcel Giebisch/BSV)

In der Schweiz arbeiten fast 40 Prozent der Erwerbstätigen Teilzeit. Die überwiegende Mehrheit davon sind Frauen. Weshalb ist dieses Modell so verbreitet?

Hinter diesem Durchschnittswert verbirgt sich eine andere Realität: Teilzeit arbeiten vor allem Mütter. Die Teilzeitarbeit ist zur gängigen Form geworden, Familie und Beruf zu vereinbaren. Angesichts der Kinderbetreuungs- und Schulstrukturen in der Schweiz und einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 42,5 Stunden bei Vollzeit ist es schwierig, neben einer Familie ein solches Pensum zu bewältigen. In vielen Fällen haben Familien gar keine andere Wahl.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede nehmen ab.

Die Richtung stimmt, aber es geht nur langsam voran. Dabei muss man zwischen Eltern und kinderlosen Personen unterscheiden: Erst mit der Geburt des ersten Kindes treten die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern deutlich zutage.

Im Dienstleistungssektor oder im Gesundheitswesen ist Teilzeitarbeit besonders verbreitet. Weshalb gerade in diesen Branchen?

Dienstleistung, Pflege – und ich würde das Bildungswesen dazunehmen – sind typische Bereiche, in denen Frauen tätig sind. In manchen Berufen dient Teilzeitarbeit heute ausserdem als Strategie, um schwierige Arbeitsbedingungen zu ertragen. So entsteht ein Teufelskreis: Traditionell von Frauen ausgeübte Berufe, die schlecht bezahlt sind und sich kaum für eine Vollzeittätigkeit eignen, sind auch für Männer weniger attraktiv.

«Erst mit der Geburt des ersten Kindes treten die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern deutlich zutage.»

Inwieweit ist die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie dafür verantwortlich, dass Frauen Teilzeit arbeiten?

Gemäss dem Bundesamt für Statistik geben über 40 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen Care-Arbeit für die Familie als Grund für Teilzeitarbeit an – beispielsweise, um Kinder oder andere Familienmitglieder zu betreuen. Teilzeiterwerbstätige Männer nennen hingegen vor allem fehlendes Interesse an einer Vollzeitstelle als Grund, oder auch eine Aus- und Weiterbildung. Dieser Unterschied lässt sich einerseits durch strukturelle Faktoren erklären, zum Beispiel fehlende Krippenplätze in bestimmten Regionen, Kosten und Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen, andererseits auch durch gesellschaftliche Normen und Stereotypen in Bezug auf die elterlichen Rollen.

Welche weiteren Faktoren hindern Mütter, die gerne vermehrt erwerbstätig wären, ihr Pensum zu erhöhen?

Im Fokus stehen oft die Kitas, aber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird nicht einfacher, wenn die Kinder älter werden. Daneben gibt es noch andere strukturelle Hindernisse, wie zum Beispiel fehlende ausserschulische Betreuungsangebote, insbesondere während der Ferien, sowie die Schulzeiten. Auch die Arbeitsbedingungen – und auch hier die Arbeitszeiten – spielen eine Rolle.

Wie wirkt sich Teilzeitarbeit auf die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern aus?

Frauen verdienen in der Schweiz im Durchschnitt 40 Prozent weniger als Männer: Gemäss dem GOEG-Indikator (Gender Overall Earnings Gap), der das kumulierte Einkommen über das gesamte Erwerbsleben misst, belegt die Schweiz damit den vorletzten Platz unter den europäischen Ländern. Diese Kluft ist zu 30 Prozent auf die anhaltenden Lohnunterschiede und zu 70 Prozent auf die deutlich häufigere Teilzeitarbeit bei Frauen sowie auf Erwerbsunterbrüche zurückzuführen. Der Index verdeutlicht somit die unterschiedliche Integration von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt.

«Die Hälfte der Frauen hat keine zweite Säule.»

Wie sieht es mit den Karrierechancen aus?

Teilzeitarbeit hat laut einer Studie der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten aus dem Jahr 2016 einen deutlichen Einfluss auf die berufliche Weiterentwicklung, gerade bei Pensen unter 70 Prozent. Das schränkt die Möglichkeiten für Weiterbildungen, aber auch die Aufstiegschancen und den Zugang zu Leistungsprämien, ein. Zudem ist der berufliche Wiedereinstieg nach einem langen Unterbruch oder die Erhöhung des Arbeitspensums oft schwierig. Hinzu kommt, dass die Entscheidung, Teilzeit zu arbeiten, oft getroffen wird, ohne sich der damit verbundenen Konsequenzen voll bewusst zu sein.

Gibt es positive Beispiele?

Ja, Jobsharing und Top-Sharing – also das Jobsharing in Führungspositionen – sind interessante Möglichkeiten, allerdings unter zwei Voraussetzungen: Sie dürfen nicht dazu dienen, kleine Arbeitspensen einzuführen, und sie dürfen keine «für Frauen» gedachte Lösung sein. Sie müssen in erster Linie als neues Beschäftigungsmodell betrachtet werden und nicht als Lösung für Mütter, die ihren Beschäftigungsgrad reduzieren müssen. Bei uns im Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann haben wir das sogenannte Top-Sharing umgesetzt, indem ich gemeinsam mit meinem Kollegen Gian Beeli die Leitung übernommen habe. Wir arbeiten beide zu 90 Prozent, was sehr gut funktioniert.

Frauen verfügen im Durchschnitt über eine um 31 Prozent tiefere Altersvorsorge als Männer. Was sagen Sie zu dieser Diskrepanz?

Und die Hälfte der Frauen hat keine zweite Säule. Diese Tatsache spiegelt die unterschiedliche Arbeitsmarktbeteiligung im Berufsleben wider. Tatsächlich ist die Altersvorsorge in der Schweiz, genauer gesagt die zweite Säule, eng mit der über das gesamte Berufsleben ausgeübten bezahlten Erwerbsarbeit verbunden. In unserem System und trotz der vorgesehenen Ausgleichsmechanismen wie Splitting oder Erziehungsgutschriften wirken sich Teilzeitarbeit oder Erwerbsunterbrüche in jedem Fall nachteilig aus. Eine grosse Hürde ist die Eintrittsschwelle in der beruflichen Vorsorge.

Welche weiteren Auswirkungen hat Teilzeitarbeit?

Die grössten Risiken sind die fehlende wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Armut. Frauen sind davon am stärksten betroffen, und die Folgen können bei einer Trennung, bei der Pensionierung oder bei häuslicher Gewalt schwerwiegend sein.

Was sagen Sie zu Erwerbstätigen, die sich für Teilzeitarbeit entscheiden, um mehr Freizeit zu haben? Ist dies schädlich für die Wirtschaft und eine Belastung für den Staat?

Jede und jeder muss für sich selber entscheiden können. Die grosse Mehrheit der Teilzeitbeschäftigten arbeitet Teilzeit, um Care-Arbeit für Kinder, Eltern oder andere Angehörige zu leisten. Diese unbezahlte Arbeit ist ein Beitrag zur Gesellschaft und keineswegs ein Freizeitvergnügen.

Wie fördert das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) eine gerechtere Aufteilung der familiären Pflichten zwischen Männern und Frauen?

Unsere Aufgabe ist es, mit objektiven, verständlichen Daten zu sensibilisieren und zu informieren, indem wir zum Beispiel auf den GOEG-Indikator hinweisen. Ausserdem finanzieren wir Projekte zur Förderung der beruflichen Gleichstellung, die von der Zivilgesellschaft oder den Kantonen ausgehen. Das EBG befasst sich auch intensiv mit Fragen der Lohngleichheit, sowohl im Rahmen des Gleichstellungsgesetzes als auch über das Analyseinstrument «Logib» und Kontrollen im öffentlichen Beschaffungswesen. Das passiert in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen und Gemeinden. Zu erwähnen ist auch die Charta der Lohngleichheit im öffentlichen Sektor: Fast 300 Unterzeichnende setzen sich darin für die Gleichstellung im Erwerbsleben im weitesten Sinne ein.

Das EBG hat die Gleichstellungsstrategie 2030 evaluiert und festgestellt, dass es einige Aktualisierungen braucht, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Welcher Ansatz sollte im Bereich der Sozialversicherung Vorrang haben?

Im Auftrag des Bundesrats prüfen wir derzeit neue prioritäre Massnahmen. Insbesondere bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besteht Handlungsbedarf, da die Fortschritte in der Zwischenevaluation als kaum sichtbar bewertet wurden. Dazu arbeiten wir natürlich eng mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen zusammen – etwa bei der Frage, wie sich die Bevölkerung besser über die Höhe ihrer Rente beim Eintritt ins Rentenalter informieren kann.

«Gleichstellung ist eine Frage der Freiheit »

Wie könnte ein nachhaltiges Teilzeitmodell in der Schweiz aussehen, das sowohl wirtschaftlich tragfähig als auch der Gleichstellung zuträglich ist?    

Aus Gleichstellungsperspektive wäre eine Angleichung der Beschäftigungsgrade von Frauen und Männern, auch bei Eltern, ideal. Aber je nach Beruf ist Teilzeitarbeit – und der damit verbundene Teilzeitlohn – wirtschaftlich nicht immer möglich, umso weniger, wenn man eine Familie hat. Darüber hinaus stellt Teilzeitarbeit im aktuellen Sozialversicherungssystem für die Betroffenen vielfach ein Armutsrisiko dar. Dennoch bin ich nach wie vor überzeugt, dass ein zweigleisiger Ansatz zielführend ist: nämlich eine ausgewogene Aufteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit innerhalb eines Paares sowie Arbeitsbedingungen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern. Denn auch die Arbeitgebenden spielen eine Rolle, indem sie Arbeitsbedingungen schaffen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern. So können sie die Arbeitsorganisation verbessern – etwa flexiblere Arbeitszeiten oder die Möglichkeit zu Homeoffice einführen.

Was motiviert Sie persönlich dazu, sich mit der Gleichstellung der Geschlechter zu beschäftigen?

Das Thema interessiert und beschäftigt mich schon seit langem. Während meines Studiums habe ich mich auf theoretischer Ebene mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie befasst, danach aber auch ganz praktisch, da ich Mutter einer Tochter und eines Sohnes bin, die mittlerweile erwachsen sind. Für mich ist Gleichstellung eine Frage der Freiheit: Lebensentscheide müssen frei gewählte Entscheide sein – und zwar für alle. Und da Erwerbsarbeit nach wie vor den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens bildet – sowohl in individueller als auch in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht –, ist ihre Verknüpfung mit den übrigen Bereichen unseres Lebens von gesellschaftlichem und natürlich auch politischem Interesse.

Stéphanie Lachat

(Foto: Marcel Giebisch/BSV)

Stéphanie Lachat leitet seit September 2024 gemeinsam mit Gian Beeli das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG). Zuvor hatte die 51-jährige Historikerin und Soziologin mit Doktortitel in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften verschiedene Führungspositionen in der öffentlichen Verwaltung und in der Privatwirtschaft inne. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Uhrenindustrie zwischen 1870 und 1970.

Redaktorin, Öffentlichkeitsarbeit, Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV)
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