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«Das soziale Netz muss engmaschiger werden»

Der Zugang zu Ergänzungsleistungen ist für ältere Menschen oft anspruchsvoll. «Das grösste Hindernis ist der administrative Aufwand», sagt Claude-Alain Kleiner, Präsident der Interessensvereinigung für ältere Menschen «Avivo Kanton Neuenburg». In einem gemeinsamen Projekt mit der Ausgleichskasse und der Kantonsverwaltung unterstützt der Verein deshalb potenziell Anspruchsberechtigte im Westschweizer Kanton.
Gabrielle D’Aloia
  |  02. Juni 2026
  • Alter
  • Ergänzungsleistungen
«Viele ältere Menschen stecken in einer Art Verweigerung oder Zurückhaltung fest, wenn es darum geht, ihre Rechte geltend zu machen», erklärt Claude-Alain Kleiner, Präsident von Avivo Neuenburg. (Foto: Marcel Giebisch/BSV)

Herr Kleiner, wie verbreitet ist heute der Nichtbezug von Ergänzungsleistungen (EL) im Kanton Neuenburg?

Ältere Menschen haben zunehmend Mühe, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Dies stellen wir als Interessensverein für ältere Menschen fest. Besonders betroffen sind alleinstehende Frauen im vierten oder fünften Lebensalter. Auch die öffentliche Debatte rund um die Abstimmung zur 13. AHV-Rente hat dazu beigetragen, das Ausmass des Nichtbezugs von Ergänzungsleistungen in der ganzen Schweiz aufzuzeigen. Diese Feststellung war für uns ein Weckruf und Auslöser für unser Pilotprojekt.

Welches sind Ihrer Erfahrung nach die grössten Hürden, die ältere Menschen davon abhalten, Ergänzungsleistungen zu beantragen?

Das grösste Hindernis ist der administrative Aufwand: Das komplizierte Anmeldungsverfahren schreckt viele Anspruchsberechtigte ab, und der Gang zur Behörde kostet grosse Überwindung. Hinzu kommen vielfach Schamgefühle und die Weigerung, vom Staat abhängig zu sein. Wir haben es mit einer Generation zu tun, die sich mit dem Gedanken der Abhängigkeit schwertut und glaubt, kein Anrecht auf diese Solidarität zu haben.

Wie ist die Idee dieser neuen Partnerschaft zwischen Avivo Neuenburg, der kantonalen Ausgleichskasse und dem Departement für Wirtschaft und sozialen Zusammenhalt entstanden?

Unser Rechtsberater Marc-André Nardin, der im Januar 2026 leider verstorben ist, hat das Projekt ins Rollen gebracht. Der Nichtbezug von Ergänzungsleistungen widersprach seiner Ansicht nach den Verfassungsgrundsätzen und musste daher unbedingt korrigiert werden. Nach konstruktiven Gesprächen mit der kantonalen Ausgleichskasse haben wir die Erlaubnis erhalten, die Menschen bis zur Einreichung einer EL-Anmeldung zu begleiten. Die Ausgleichskasse steht in diesem Projekt dabei in Kontakt mit dem kantonalen Department für Wirtschaft und sozialen Zusammenhalt.

«Der Gang zur Behörde kostet grosse Überwindung»

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit diesem Pilotprojekt?

Oberstes Ziel ist es, auf Menschen in schwierigen Lebenssituationen zuzugehen, also jene, die Anspruch auf Ergänzungsleistungen hätten. Parallel dazu verhilft das Projekt der Avivo Neuenburg zu mehr Sichtbarkeit, was positiv ist, da wir ständig auf der Suche nach neuen Mitgliedern sind.

Welche Rolle übernimmt Avivo im Projekt?

Wir agieren als Bindeglied, das bislang fehlte. Viele ältere Menschen stecken in einer Art Verweigerung oder Zurückhaltung fest, wenn es darum geht, ihre Rechte geltend zu machen; deshalb ist es besonders wichtig, empathisch auf sie zuzugehen, da sie nicht von sich aus auf uns zukommen würden. Die potenziell anspruchsberechtigte Person unterzeichnet eine Vollmacht und macht Avivo damit zur einzigen Ansprechstelle, das heisst von der Einleitung des Verfahrens bis zur Einreichung des Dossiers bei der Ausgleichskasse.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den lokalen Sektionen von Avivo auf die Arbeit der regionalen AHV-Stellen abgestimmt?

Aktuell müssen wir den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit den regionalen AHV-Stellen legen: Ihre Einbindung und ihr Vertrauen sind für den Erfolg des Vorgehens unabdingbar.

Wie garantieren Sie in diesem Rahmen die Gleichbehandlung und die Vertraulichkeit der einzelnen von Avivo betreuten Fälle?

Die einzige Garantie, die wir bieten, ist unsere ethische Überzeugung als Interessenvereinigung. Als einzige Ansprechstelle sind wir zu absoluter Vertraulichkeit verpflichtet. Das Vertrauen in uns ist entscheidend für Personen, die uns bevollmächtigen, sich um ihre Anmeldung zu kümmern.

«Die einzige Garantie, die wir bieten, ist unsere ethische Überzeugung als Interessenvereinigung»

Wie gehen Sie konkret auf die Betroffenen zu?

Wir kontaktieren sie über unsere Kommunikationskanäle. Darüber hinaus wollen wir vermehrt mit anderen Partnern zusammenarbeiten – ich denke hier vor allem an Caritas, das Rote Kreuz oder Pro Senectute. Wir ziehen alle am gleichen Strick. Damit wir wirklich alle erreichen, muss das soziale Netz engmaschiger werden.

Inwiefern führt dies auch bei Avivo zu Anpassungen?

Die verschiedenen regionalen Sektionen sind sehr auf ihre Autonomie bedacht. Mit diesem neuen Dienst müssen die Praktiken aber vereinheitlicht werden. Ich bin kein Verfechter einer Zentralisierung, aber ich finde, es braucht eine gemeinsame Organisation für die regionalen Sektionen sowie Anweisungen für die praktische Umsetzung.

Ist eine Evaluation des Pilotprojekts geplant?

Zurzeit steckt das Projekt noch in den Anfängen. Unsere Priorität ist es, die Sichtbarkeit bei den Zielgruppen zu erhöhen. Aber es ist mir auf jeden Fall ein wichtiges Anliegen, dem Kanton Neuenburg nach Abschluss der Versuchsphase, die noch rund ein Jahr dauert, Zahlen liefern zu können.

«Avivo setzt sich für die Rechte von Rentnerinnen und Rentnern ein»

Haben Sie vor, das Angebot dauerhaft weiterzuführen, wenn die Bilanz positiv ausfällt?

Ja, das war auch eines der ursprünglichen Ziele.

Kann die Sozialbegleitung dazu beitragen, versteckte Armut zu verhindern?

Ja, ich finde schon. Unsere Dienstleistung geht weiter als die bisherigen Angebote: Die Vollmacht erweitert den Handlungsspielraum, indem sie die Mittel bereitstellt, um alles in die Wege zu leiten und schliesslich eine EL-Anmeldung einzureichen.

Welche Botschaft vermittelt das Projekt älteren Menschen, die zögern, ihre Ansprüche geltend zu machen?

Das Projekt erinnert daran, dass Avivo sich für die Rechte von Rentnerinnen und Rentnern einsetzt, und dass Avivo sie auch bei den manchmal komplex scheinenden Schritten begleiten kann.

Eine vom Bundesamt für Sozialversicherungen in Auftrag gegebene Untersuchung bei acht Kantonen hat gezeigt, dass keiner dieser Kantone aktuell Steuerdaten nutzt, um mögliche EL-Beziehende zu identifizieren und gezielt zu informieren. Wäre das in Neuenburg möglich?

Ein grosses Hindernis ist der Datenschutz. Es braucht ihn und er bietet Sicherheit, aber er schränkt auch ein, wenn es darum geht, Personen mit einem EL-Anspruch zu ermitteln und zu begleiten.

Die Studie hat auch gezeigt, dass Ergänzungsleistungen weiterhin wenig bekannt sind. Viele wissen nicht, dass damit auch Krankheits- oder Invaliditätskosten vergütet werden können. Erstaunt Sie das?

Nicht wirklich. Es ist ein komplexer Bereich, über den besser informiert werden müsste. Die Ausgleichskasse des Kantons Neuenburg hat bereits viel Informationsarbeit geleistet. Die Mitglieder von Avivo werden über das Vereinsblatt ebenfalls sensibilisiert. Aber wir müssen unsere Bestrebungen fortsetzen – idealerweise mit der Unterstützung des Kantons und der Gemeinden.

Was hat sie persönlich dazu motiviert, sich für das Projekt zu engagieren?

Menschen in schwierigen Lebenslagen zu helfen ist meine Lebensaufgabe. Wir leben in einer brutalen Welt mit zu grossen Ungleichheiten. Ich selber bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen – deshalb versuche ich, der Gesellschaft das zurückzugeben, was sie mir gegeben hat.

Claude-Alain Kleiner und Avivo

Foto: Marcel Giebisch/BSV

Der 74-jährige Claude-Alain Kleiner ist seit 2023 Präsident von Avivo Kanton Neuenburg und ist auch Mitglied des Vorstandsbüros von Avivo Schweiz. Vor seiner Pensionierung arbeitete er unter anderem als Lehrer, Projektleiter und Schulinspektor in der Neuenburger Kantonsverwaltung sowie als Gemeinderat der von Val-de-Travers. Er ist Autor mehrerer Bücher und war Redaktionsleiter der Zeitschrift «Pays Neuchâtelois». Während fast zehn Jahren präsidierte er den Stiftungsrat des Pflegeheims «Dubied de Couvet».

Avivo ist ein Schweizer Verein, der seit seiner Gründung im Jahr 1948 die Interessen der Rentnerinnen und Rentnern vertritt. Avivo setzt sich für soziale Gerechtigkeit sowie die Kaufkraft älterer Menschen ein und bietet kulturelle und soziale Aktivitäten an, mit denen die Kontakte zwischen älteren Menschen gefördert werden sollen. Der Verein ist hauptsächlich in der Westschweiz tätig, verfügt aber auch über Sektionen in Basel, Bern, Biel und Zürich. Die Mitglieder von Avivo arbeiten ehrenamtlich.

Redaktorin, Öffentlichkeitsarbeit, Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV)
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